Umgang mit Heterogenität
Umgang mit Heterogenität
„Wir sind alle gleich, wir sind alle verschieden“
Kurzfassung: Der gesamte Text ist im Anhang verfügbar
I. Definitionsversuch Heterogenität:
„Heterogen“ heißt zunächst „verschiedenen Ursprungs“ und bezeichnet die Ungleichheit der Teile in einem zusammengesetzten Ganzen. „ Heterogenität bedeutet diesem Verständnis nach eine Zuschreibung von Unterschieden aufgrund von Kriterien, deren Bedeutung von sozialen Normen und persönlichen Interessen abhängt.“ ( vgl. Brügelmann 2001)
Heterogenität als Kennzeichen einer auf Individualisierung und Pluralisierung ausgerichteten Lebensweise moderner Gesellschaften lässt sich in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens darstellen, so z.B. die soziale Heterogenität, die interkulturelle H., Leistungs-, Geschlechts-, Alters -, und Interessensheterogenität
II. Modelle
- Das Separierungsmodell: - unterschiedliche Gruppen arbeiten in unterschiedlichen Systemen bzw. Formen
- Das Anpassungsmodell:- Orientierung an vorgegebene Normen
- Das Ergänzungsmodell:- Verschiedenheit wird als Normalität akzeptiert, Andersartigkeit als Ergänzung der Normalität verstanden
Während die ersten beiden Modelle sehr deutlich für Homogenisierung eintreten und verstärkt vor allem in Deutschland, aber auch Österreich auftreten, versteht das Ergänzungsmodell Heterogenität als Chance, die Verschiedenheit als Ergänzung und Erweiterung der Normalität (vgl. Skandinavisches Schulmodell).
Deutlich wird, dass ein produktiver Umgang mit Heterogenität, im Rahmen des Ergänzungsmodells, den deutschen Lehrern aufgrund ihrer biografischen Herkunft, ihrer angestammten Schichtzugehörigkeit immer noch sehr schwer fällt- zumal dieser Aspekt auch während der zweiphasigen Ausbildung bislang kaum eine Rolle spielt.
III. Bedeutung für das schulische Leben
Die Notwendigkeit, Integration zu fördern und mit Heterogenität umgehen zu lernen, ist in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen spürbar. Sie impliziert damit eine Forderung für alle Schulen und Schulformen.
Die Leistungsheterogenität, die soziale und ethnische Vielfalt der SchülerInnen hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Die Forderung Hubers bleibt dringlicher denn je: „Die differenzierten Erfahrungen mit Vor- und Nachteilen der Koedukation, die Herausforderungen zu interkulturellem Lernen, die zaghaften Versuche zur Integration behinderter Kinder in die Schulgemeinschaft machen eine Pädagogik der Vielfalt geradezu notwendig.“ ( 1996, S. 10)
IV. Zahlen
- Jedes dritte Migrantenkind erreicht in Deutschland keinen Schulabschluss.
- Mädchen sind von Brüchen in der Schullaufbahn weit weniger betroffen als Jungen. (27 % aller 15 jährigen Jungen wiederholen eine Klasse, allerdings nur 20% aller Mädchen dieser Altersgruppe- Zahlen nach Krohne und Meier 2004)
- Jugendliche mit Migrationshintergrund sind fast doppelt so stark an den Hauptschulen und weniger als halb so stark an den Gymnasien vertreten, als es ihrem Anteil an den Schülerzahlen der allgemein bildenden Schulen insgesamt entspricht ( Karakasoglu-Aydin, 2001, S. 282).
- Während in Deutschland an der Realschule noch 25 % der Schüler und Schülerinnen sitzen bleiben, sind es am Gymnasium lediglich 11 %.
V.Tipps für Lehrer
„Wir sind alle gleich, wir sind alle verschieden“ – innerhalb dieses anscheinend unbedeutenden, nichtssagenden Satzes schlägt sich das Spannungsverhältnis einer pluralistisch- demokratischen Gesellschaft nieder, in dem sich auch Schule und Erziehung, wohl nicht nur in Deutschland, befinden.
Daraus muss folgen:
Tipp 1: Der Respekt, die Achtung vor der Vielfalt des einzelnen soll eben nicht nur für das gesellschaftlich- kulturelle Leben im Allgemeinen gelten, sondern vor allem auch für den Umgang gegenüber den Jugendlichen in der Zeit des Heranwachsens, der Findung der individuellen Identität.
Schule kann nur erfolgreich für die Gesellschaft tätig werden, wenn sie auch die Heterogenität akzeptiert und sie in Spannung setzt zur Integration des Einzelnen in eine staatsbürgerliche Gemeinschaft
Tipp 2: Lerne als Lehrer Unterschiede zu akzeptieren und zu respektieren
und
Tipp 3: Akzeptiere Widersprüche und Nöte in Deinem Lehrerhandeln
VI. Lehrerentwicklungsmöglichkeiten
Die eigene Personen- und Objektwahrnehmung schulen
Die eigene persönliche Wahrnehmung und auch Selbst-Wahrnehmung
hinterfragen
Reflexionsmöglichkeiten über sein eigenes Handeln weiter entwickeln
Die in der zumindest deutschen Schullandschaft vorliegenden Widersprüche
zwischen Schulrealität und Anspruch von außen sehen und mit diesen
Widersprüchen auch umzugehen lernen, das heißt deutlich systembedingte
Antinomien und Unsicherheiten aushalten können.
Aus diesen Brüchen und Anforderungen seine Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf die Klassenführung erhalten und weiter entwickeln, was auch bedeutet, mit unfertigen Handlungsschritten nicht nur leben können, sondern sie auch voll zu akzeptieren lernen(Abstellen von Schuldgefühlen z. B.)
VII. Konkrete Forderungen an das Projekt:
►Entwicklung und Einsatz von Fragebögen zur Reflexion eigener Handlungsschritte in der
Klassenführung
►Entwicklung und Einsatz von offenen Interviews zur Person- und Objektwahrnehmung, zur
Selbstreflexionsführung, zur diagnostischen Kompetenz, zu Vorstellungen über
Heterogenität
►Entwicklung und Einsatz von Beobachtungsbögen und Videografischen Mitschnitten zum
Unterrichtshandeln im Bereich der individuellen Förderung und des Umgangs mit
Widersprüchen
►Entwicklung von Evaluationsstandards und Einsatz der Evaluationsbögen während der
Maßnahme in Bezug auf Fragen des Umgangs mit Heterogenität
Umgang mit Heterogenität im Unterricht -
Das Handlungsfeld und seine
Herausforderungen
Beate Wischer, Universität Osnabrück
1. Einführung in das Problemfeld
Lehrerinnen und Lehrer haben es in
der modernen Schule - anders als im Hauslehrermodell früherer Zeiten - nicht
mit Einzelnen zu tun, sondern Unterricht findet bekanntermaßen mit zwanzig bis
dreißig Kindern statt, die sich - auch dies ist eine Binsenweisheit - in ihren
Lernbedürfnissen und -voraussetzungen erheblich unterscheiden. Dies führt zu der
schwierigen Frage, wie mit dieser Heterogenität in Form interindividueller
Unterschiede umgegangen werden soll.
Grundsätzlich gibt es unterschiedliche
Reaktionsformen (vgl. Weinert 1997):
·
Ignorieren
der Lern- und Leistungsunterschiede (passive Reaktionsform): Unterschiedliche
Lernervoraussetzungen können bei der Unterrichtsgestaltung ignoriert werden, indem die Lehrkraft das
Lernangebot an einem fiktiven
Durchschnittsschüler orientiert und dessen Lern- und Leistungsfortschritte zum
Maßstab für die Schnelligkeit und Schwierigkeit des (in der Regel
gleichschrittigen) Lehrens nimmt.
·
Anpassung
der Schüler an die Anforderungen des Unterrichts (substitutive Reaktionsform): Unterschiedliche
Lernervoraussetzungen können reduziert werden, indem entweder im Vorfeld - auf schulorganisatorischer
Ebene - Lerngruppen so zusammengesetzt werden, dass diese im Hinblick auf die
gewählten Kriterien möglichst homogen sind. Oder es werden spezielle Programme
(Förderunterricht, Trainings von Lernstrategien) eingesetzt, um die
Lernvoraussetzungen der schwachen SchülerInnen so zu verbessern, dass sie den
Unterrichtsanforderungen entsprechen.
·
Anpassung
des Unterrichts an die lernrelevanten Unterschiede zwischen den Schülern
(aktive Reaktionsform): Der Unterricht kann an die lernrelevanten Unterschiede angepasst
werden, indem differenzielle Lernangebote bereitgestellt werden, die
unterschiedliche Lernervoraussetzungen und -bedürfnisse berücksichtigen.
·
Gezielte
Förderung der einzelnen Schüler durch adaptive Gestaltung des Unterrichts
(proaktive Reaktionsform): Bei dieser vierten Strategie treten neben einen adaptiven Lehrstil mit
betonter Individualisierung in Still- und Übungsphasen noch differentielle
Lernziele (d.h. die Unterscheidung zwischen einem Basiscurriculum für alle Schüler
und einem differentiellen Aufbaucurriculum).
Im deutschen Schulsystem dominierten
bislang traditionell die beiden zu erst genannten Strategien, sie sind aber
besonders in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geraten (vgl.
Altrichter u.a. 2009):
(1) Zentraler Anlass waren die
Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien (wie TIMSS und PISA), die für
das deutsche Schulsystem für den Bereich des Umgangs mit Heterogenität in
Schule und Unterricht erhebliche Defizite haben aufzeigen können: Die
Unterschiede zwischen starken und schwachen SchülerInnen - das heißt die
Streuungen der Leistungen - waren extrem hoch und überdies in hohem Maße mit
der sozialen Herkunft der SchülerInnen verknüpft. Besonders alarmierend wirkte
zudem die hohe Zahl von schwachen Lernern, die in den jeweiligen Bereichen
nicht einmal die Kompetenzstufe I erreicht haben, was auf erhebliche Mängel im
Hinblick auf eine angemessene Förderung verweist.
(2) In der Öffentlichkeit wie auch bei
Lehrerinnen und Lehrern hat sich in den letzten Jahren das Gefühl verstärkt,
dass die Heterogenität in Gesellschaft und Schule zunimmt; und damit konkret
auch die Lerngruppen - allen Homogenisierungsversuchen zum Trotze - immer
heterogener werden. Plausible Gründe liegen sowohl in internationalen Entwicklungen
(Globalisierung, Migration, Ende der Industriegesellschaft) wie auch
gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen, die zu größerer
Unterschiedlichkeit - besonders in den sprachlichen Eingangsbedingungen und den
elterlichen Erziehungsvorleistungen durch veränderte Lebensstile - führen.
(3) Gleichzeitig setzt sich als
Entwicklungslinie fort, was schon in der Reformpädagogik angelegt worden ist:
Schülerinnen und Schüler werden zunehmend stärker als Individuen betrachtet,
die einen Anspruch besitzen in ihren Besonderheiten wahrgenommen und gefördert
zu werden. Aus didaktischer Perspektive wird eine solche Subjektorientierung besonders forciert
durch die Verbreitung von konstruktivistischer Lerntheorie und Didaktik, die
Unterricht ausgehend von den Lerntätigkeiten einzelner Schülerinnen und Schüler
konzipieren.
Gemäß dieser, hier nur knapp (und
keineswegs vollständig) skizzierten Hintergründe, wird in den letzten Jahren
verstärkt der Ruf nach Veränderungen und einem Umdenken laut. Heterogenität
soll nicht mehr ignoriert oder als Belastung bewertet, sondern die damit
verbundenen Chancen sollen gesehen und genutzt werden (vgl. z.B. Bräu/Schwerdt
2005). Auf der Ebene des didaktisch-methodischen Handelns gewinnen dadurch also
die bei Weinert (s. o.) zuletzt genannten Strategien an Bedeutung: Unterricht
soll und darf sich nicht mehr allein an einem imaginären Durchschnittsschüler
orientieren, sondern es sind Verfahren gefordert, durch die das Lernangebot
stärker als bislang in differenzierender Weise auf die unterschiedlichen
Lernvoraussetzungen der SchülerInnen einer Lerngruppe abgestimmt wird: Nicht
mehr die Schülerinnen und Schüler - so könnte man dies als grundlegenden
Perspektivwechsel beschreiben - sollen an das Lernangebot angepasst werden,
sondern das Lernangebot ist nun umgekehrt an den unterschiedlichen Bedürfnissen
und Fähigkeiten der Lerner auszurichten.
Nun sind diese Forderungen
keineswegs neu und die damit angesprochen Konzepte auch eigentlich allen
Lehrerinnen und Lehrern bekannt. Denn gefordert werden hier im Grunde genommen
Verfahren und Methoden, die in der Allgemeinen Didaktik unter den Stichworten
„innere Differenzierung" und „Individualisierung" des Unterrichts, sowie in der
Lehr-Lern-Forschung unter dem Terminus „adaptiver Unterricht" schon eine lange
Tradition besitzen: „Wenn Unterricht jeden einzelnen Schüler optimal fördern
will (...)" - so stellten Klafki/Stöcker (1976, 503) schon vor mehr als 30
Jahren fest - „dann muss er im Sinne innerer Differenzierung durchdacht werden"
.
Das Problem besteht eher darin, dass
diese Forderungen zwar ohne Zweifel gut begründet sind, es in der Praxis aber
offenbar nach wie vor erhebliche Probleme bei der Umsetzung gibt. Denn folgt
man empirischen Befunden der Schul- und Unterrichtsforschung (vgl. im Überblick
Wischer 2007), so scheint die Unterrichtspraxis in den letzten Jahrzehnten zwar
durchaus methodisch vielfältiger geworden zu sein, fragt man aber danach,
inwieweit dabei auch den individuellen Lernvoraussetzungen angepasste Lernwege
eröffnet werden, dann ist ein doch ernüchterndes Fazit zu ziehen: Lehrkräfte
bemühen sich wohl zunehmend um einen methodisch abwechslungsreichen und auch
schüleraktivierenden Unterricht; die Umsetzung von organisatorisch komplexeren
Elementen, die eine differenziertere Passung erlauben, scheint aber nach wie
vor selten zu sein und eher in bescheidenem Ausmaß realisiert zu werden.
Wie ist mit dieser Diskrepanz
zwischen den gut begründeten Erwartungen und der kaum bzw. nur eben sehr
bescheidenen Umsetzung dieser Forderungen umzugehen? Und vor allem auch: Was
ist notwendig und was ist hilfreich, um den einzelnen Lehrer und die einzelne
Lehrerin dabei zu unterstützen, dass sie die Heterogenität ihrer Lerngruppen
auch tatsächlich als Bereicherung betrachten können und produktiv zu nutzen
lernen? Hier ist guter Rat wahrlich teuer. Praktische Empfehlungen oder
Handlungsanweisungen im Sinne einer Rezeptologie oder auch Technologie scheinen
an dieser Stelle zwar sehr verführerisch, weil damit die Hoffnung einhergeht,
dass dies zu eindeutigen Orientierungen für das eigene Handeln führen könnte.
Zugleich gibt es aber deutlich mehr Argumente dafür, dass brauchbare
Handlungsanweisungen bei der komplexen Thematik nur schwer möglich und darüber
hinaus auch keineswegs Erfolg versprechend sind. So zeigt schließlich nicht
zuletzt ein Blick in die Literatur, dass für die Frage des Umgangs mit
Heterogenität im Unterricht beileibe kein Mangel an wohlmeinenden Empfehlungen
besteht: Wer sich auf den Weg machen will, der kann auf ein kaum noch
überschaubares, und ständig wachsendes Angebot an Praxishandreichungen und
Methodenbüchern zurückgreifen, die dazu mehr als genug - vielleicht sogar schon
zu viele Möglichkeiten - aufzeigen.
Statt hier erneut eine Auflistung
von Möglichkeiten und guten Ratschlägen vorzunehmen, setzen die weiteren
Ausführungen deshalb an einigen ausgewählten - und unter anderem auch im Rahmen
von TIPP ermittelten - Problembereichen an. Dabei geht es in erster Linie darum
Reflexionsangebote
bereitzustellen, die im Kern darauf zielen eine Überforderung durch zu hohe
Erwartungen zu vermeiden, ohne dabei den Anspruch auf Veränderungen des eigenen
pädagogischen Handelns aufzugeben.
2. Reflexion ausgewählter
Problembereiche
2. 1 Differenzierte Wahrnehmung
von Heterogenität
Eine zentrale Voraussetzung für
einen produktiven Umgang mit Heterogenität besteht darin, unterschiedliche
Lernerbedürfnisse überhaupt wahrzunehmen. Allerdings wird im
fachwissenschaftlichen Diskurs sehr kontrovers diskutiert, welche
Heterogenitätsdimensionen dabei eigentlich in den Blick zu nehmen sind.
Heterogenität - das ist wichtig hervorzuheben - bezeichnet im Kontext von schulischem Lernen zunächst einmal
„nur" die Ungleichartigkeit von Schülerinnen und Schülern einer Lerngruppe in
Bezug auf grundlegende Voraussetzungen und Bedingungen ihres Lernens, ohne dass
dabei eine Festlegung auf einzelne Merkmale erfolgt.
Betrachtet man die zahlreichen
aktuellen Beiträge zum Thema (vgl. z.B. Bräu/Schwerdt), dann ist auffällig,
dass hier zumeist aus einer pädagogisch-normativen Perspektive ganz
grundsätzlich von der Individualität des einzelnen Kindes aus gedacht wird, mit
dem Ergebnis, dass Heterogenität in nahezu unendlich vielen Dimensionen
beschrieben wird. Dadurch entstehen dann schnell lange und kaum noch
überschaubaren Listen von Merkmalen, die von Lehrerseite eigentlich zu
berücksichtigen wären. Genannt werden so z.B.:
·
Leistungsfähigkeit,
·
Alter,
·
Geschlecht,
·
sozialer,
familiärer, ökonomischer und kultureller Hintergrund,
·
biografische
Erfahrungen,
·
Lernstil,
·
psychische
und physische Konstitution,
·
Sprachkompetenz,
·
Migrations-
und Bildungshintergrund,
·
Interessen,
Begabungen und motivationale Orientierungen,
·
Selbstwirksamkeitsüberzeugungen
u.Ä.m..
Ein Blick auf solcherlei - hier
durchaus noch keineswegs vollständiger - Auflistungen dürfte allerdings schnell
deutlich machen: Der hier im Grundsatz geforderte Blick auf das einzelne Kind
mag zwar pädagogisch wünschenswert sein; stößt jedoch schnell auf Grenzen der
Wahrnehmungskapazität. Würde eine Lehrkraft immer alle möglichen (und in der
Literatur auch empfohlenen) Heterogenitätsdimensionen im Blick haben wollen,
hieße dies eine Komplexität allein auf der Ebene der Wahrnehmung zu erzeugen,
die im konkreten Alltagsgeschäft kaum einlösbar ist und überdies auch zu
Verunsicherungen auf der Handlungsebene führen würde: Die Lehrerwahrnehmung im
Unterricht ist - darauf ist wichtig hinzuweisen - keineswegs in böser Absicht,
sondern vor allem aus Kapazitätsgründen eher auf den kollektiven
Durchschnittsschüler und eben nicht auf das einzelne Kind gerichtet.
Allerdings wäre es im Umkehrschluss
natürlich ebenso problematisch, Heterogenität mit dem Hinweis auf Überforderung
ganz zu ignorieren oder allein auf die Leistungsfähigkeit zu begrenzen, wie es
im Schulalltag oft noch der Fall ist. Denn was vordergründig als
Leistungsfähigkeit erscheint, ist - das haben nicht zuletzt die internationalen
Vergleichsstudien noch einmal eindrücklich aufzeigen können - eben immer auch
durch andere Merkmale (insbesondere die soziale und kulturelle Herkunft)
beeinflusst. Hier stellt sich also die Frage, wie mit diesem Dilemma umzugehen
ist.
TIPPs:
·
Ganz
grundsätzlich wird es darum gehen müssen eine angemessene Balance zu finden
zwischen
o
einer
reduzierten bzw. verengten Wahrnehmung, die eine angemessene Förderung
verhindert,
o
und
einer Komplexität, die dann handlungsunfähig macht.
·
Vor
allem Berufsanfängerinnen und -anfänger sollten sich vor Augen führen, dass
eine differenzierte Wahrnehmung von Heterogenität in der Regel langjährige
Erfahrungen und Routinen voraussetzt. Nach einem Stufenmodell von Fuller und
Brown (1975) zum Aufbau professioneller Lehrerkompetenzen wird erst in der
dritten und letzten Stufe - der „routine stage" - ein Kompetenzniveau erreicht,
um einzelne Schülerinnen und Schüler in ihren individuellen Interessen und
Bedürfnissen angemessen wahrnehmen zu können.
·
Ein
erster wichtiger Schritt sollte darin bestehen, die eigene Wahrnehmung kritisch
zu hinterfragen und so überhaupt bewusst zu machen. Folgende Leitfragen können
dabei hilfreich sein:
·
Welche
Heterogenitätsdimensionen habe ich selbst vorrangig im Blick?
·
Welche
davon nehme ich als Chance, welche als Bereicherung wahr?
·
Welche
Heterogenitätsmerkmale spielen bei meiner Unterrichtsgestaltung bislang eine
besondere Rolle?
·
Und
auf welche Dimensionen sollte und könnte ich zukünftig stärker als bislang
achten?
·
Mit
Blick auf die Komplexitätsproblematik kann es außerdem sehr hilfreich sein sich
vor Augen zu führen, dass nicht jedes Heterogenitätsmerkmal für die Gestaltung
von Lehr-Lern-Prozessen im engeren Sinne bzw. in direkter Weise gleichermaßen
relevant ist. Hier ist besonders interessant, dass zwar im programmatischen
Diskurs zahlreiche Differenzlinien genannt werden, das bereichsspezifische
Vorwissen als das
„mit Abstand wichtigste Lernermerkmal" (Helmke 2009, 248) hingegen nur selten
berücksichtigt wird, obwohl es sich dabei um ein Merkmal handelt, dass noch
vergleichsweise gut zu erfassen und dann auch bei der Gestaltung des
Unterrichts zu berücksichtigen ist. Elisabeth Stern (2004, 39; zitiert in
Helmke 2009, 252) hat folgende Leitfragen formuliert, die auf das Merkmal
Vorwissen zielen und bei der Planung einer Unterrichtseinheit/einer
Unterrichtsstunde eine Orientierung geben können:
·
Welche
Routinen müssen beherrscht werden?
·
Welche
Begriffe müssen verstanden und welche Fakten müssen bekannt sein, damit ein
bestimmtes Lernangebot genutzt wird?
·
Wie
könnte das Wissen aussehen, das manche SchülerInnen bereits mitbringen?
·
An
welche Art von Wissen kann man anknüpfen?
·
Wo
liegen Quellen für Missverständnisse?
·
Welche
Möglichkeiten gibt es, einen bestimmten Sachverhalt auszudrücken?
·
Welche
Veranschaulichungsformen können angeboten werden?
2. 2 Eigene Einstellungen und
subjektive Überzeugungen
Ein angemessener Umgang mit
Heterogenität ist keineswegs nur ein technisches Problem, sondern - darauf wird
in den aktuellen Diskussionen immer wieder hingewiesen - hängt eng zusammen mit
grundlegenden subjektiven Überzeugungen und Einstellungen (vgl. z.B. Graumann
2002): Solange Lehrerinnen und Lehrer - so könnte man dies vereinfacht
formulieren - Heterogenität als ein Problem, und nicht als einen Normalfall
bzw. sogar als Bereicherung
betrachten, wird sich auch im Unterricht nur wenig ändern. Die Bedeutung von
subjektiven Theorien ist in der Forschung (vgl. z.B. Helmke 2009, 117)
unumstritten; es wird davon ausgegangen, dass sie das Lehrerhandeln nicht
unerheblich steuern. Gleichzeitig sind mit dem geforderten Einstellungswandel
bei näherer Betrachtung aber auch einige Probleme verbunden, die nicht
übersehen werden sollten:
(1) Ein Einstellungswandel im
Hinblick auf Fragen der Heterogenität ist sehr voraussetzungsreich, denn
dahinter verbirgt sich die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Revision
bisheriger Denk- und Sichtweisen, die das Menschen- und Gesellschaftsbild,
Vorstellungen zum Lehren und Lernen, zu Gleichheit und Differenz sowie das
eigene Rollenverständnis betreffen.
(2) Daraus folgt, dass Einstellungen
zu Heterogenität zwar einerseits eng mit der Lehrerpersönlichkeit - den eigenen
biografischen Erfahrungen - verknüpft sind, andererseits aber keineswegs nur
auf eine Persönlichkeitsvariable reduziert werden dürfen. Subjektive
Überzeugungen und Einstellungen werden nämlich zugleich auch in hohem Maße
durch die professionsbezogenen Anforderungen beeinflusst. Insbesondere die
institutionellen Bedingungen sowie die Funktionslogik von Schule (z.B. das
Selektionsprinzip und die Lehrplanvorgaben) sind hier als wichtige Größen zu
nennen, die eine positive Wahrnehmung von Heterogenität zweifelsohne
erschweren.
(3) Eine starke Fokussierung auf die
Einstellung von Lehrkräften als entscheidender Variable für den
Innovationserfolg erweckt schnell den Eindruck, als sei ein anderer Umgang mit
Heterogenität vor allem eine Frage des Wollens und nicht eine Frage des
grundsätzlichen Könnens (ausf. Wischer 2007). Verbunden ist damit die Gefahr
einer individualisierenden und psychologisierenden Problembeschreibung, was
nicht nur (und mit gutem Grund) zu Abwehrhaltungen bei Lehrkräften führen kann,
sondern auch die hohen Anforderungen wie die damit verbundenen
Handlungsprobleme ignoriert.
TIPPs
·
Trotz
der genannten Probleme einer Engführung auf Einstellungsfragen ist es
notwendig, die eigenen Einstellungen und Wertorientierungen kritisch zu
hinterfragen. Dafür spricht nicht nur, dass diese Einstellungen das
pädagogische Handeln leiten, sondern eine Reflexion ist auch deshalb
erforderlich, weil diese Einstellungen in der Regel oft gar nicht bewusst sind.
Besonders relevant wären dabei Reflexionen über Bereiche wie: Lern- und
Begabungstheorien, Vorstellungen zu den Aufgaben und Funktionen der Schule
(Fördern vs. Auslesen), Einstellungen zu Gleichheit und Differenz, eigenen
Normalitätsvorstellungen und dem eigenen Rollenverständnis.
·
Insbesondere
für die Professionalisierung von Lehrkräften in der ersten und zweiten
Lehrerausbildungsphase stellt die Reflexion von subjektiven Überzeugungen und
Einstellungen eine notwendige, gleichwohl aber auch schwierige Anforderung da.
Ansatzpunkt dazu bieten Formen des biografischen Lernens; konkrete Methoden und
Anregungen stellt die Materialsammlung „Kompetenztraining „Pädagogik der
Vielfalt" (vgl. Sielert/Janeke, Lamp, Selle 2009) bereit.
2. 3 Reflexion der eigenen
Handlungsmöglichkeiten
Wie schon für die Frage der
Lehrereinstellungen angedeutet, ist das professionelle Handeln in einen
institutionellen Kontext eingebunden, der unterschiedlich günstige oder
ungünstige Optionen eröffnet. Lehrerbefragungen zu Realisierungschancen von
innerer Differenzierung (vgl. Roeder 1997; Kunze/Solzbacher 2008) zeigen in
diesem Zusammenhang immer wieder auf, dass es aus Lehrersicht vor allem die
institutionellen Rahmenbedingungen sind, die die guten Absichten behindern.
Dazu gehören die Klassengröße, die Lehrplanvorhaben, der übliche
45-Minuten-Takt, fehlende Materialien sowie ein höherer Vorbereitungsaufwand;
hinzu kommen ungünstige räumliche Rahmenbedingungen und - vor allem in der
Sekundarstufe I - das Fachlehrerprinzip. Zwar können solche Hinweise auf
institutionelle Bedingungen schnell zur Abwehr jeglicher Reformen führen;
allerdings ist es ebenso wenig hilfreich, sie zu ignorieren. Matthias von
Saldern (2007, 42) weist völlig zu Recht auf die Gefahr einer Engführung hin,
wenn er feststellt, dass bei den aktuellen Forderungen für einen anderen Umgang
mit Heterogenität primär auf den Unterricht der einzelnen Lehrkraft fokussiert
werde, ohne zu hinterfragen, ob und inwieweit die Rahmenbedingungen dafür auch
angemessen und förderlich seien.
TIPPs:
·
Angesichts
der gut begründeten, aber hohen Forderungen im Hinblick auf einen produktiven
Umgang mit Heterogenität auf der einen, und den zahlreichen Umsetzungsproblemen
bei der Umsetzung auf der anderen Seite, ist es unbedingt erforderlich, sich
ein möglichst realistisches Bild zu den vorhandenen Möglichkeiten und Grenzen
zu verschaffen, d.h. den verfügbaren eigenen Handlungsspielraum auszuloten.
Wahrgenommene Widerstände und Einschränkungen wären also, wie es auch von
Saldern (2007) vorschlägt, daraufhin zu befragen, ob es sich hier um extern
gesetzte Grenzen handelt und welchen Anteil Selbstrestriktionen besitzen. Nur
so kann verhindert werden, dass die gut begründeten Innovationserfordernisse
durch den Verweis auf institutionelle Restriktionen abgewehrt und damit
zugleich eigene Spielräume und Kreativitätspotenziale aufgegeben werden.
·
Eine
hilfreiche und im Rahmen von TIPP erprobte Methode zur Analyse der eigenen
Handlungsspielräume ist die sog. Kraftfeldanalyse, die treibende
(unterstützende) und rückhaltende (hindernde) Faktoren in einer Situation
darzustellen vermag (zahlreiche Darstellungen des Verfahrens finden sich im
Internet).
2. 4 Notwendige Lehrerkompetenzen
Innere Differenzierung stellt -
darauf haben schon die Autoren der 1970er Jahre trotz aller euphorischen
Hoffnungen hingewiesen (vgl. Klafki/Stöcker 1976) - erhebliche Anforderungen an
das Lehrerhandeln. Beck u.a. (2008, S. 41), die hier von adaptiver
Lehrkompetenz sprechen, differenzieren dafür z.B. vier Kompetenzbereiche.
Notwendig sei
·
„reichhaltiges,
flexibel nutzbares eigenes Sachwissen, in dem sich die Lehrperson leicht und rasch bewegen kann
(Sachkompetenz);
·
die
Fähigkeit, bezogen auf den jeweiligen Unterrichtsgegenstand die Lernenden
bezüglich ihrer Lernvoraussetzungen und -bedingungen (Vorwissen, Lernweisen,
Lerntempo, Lernschwächen usw.) sowie ihrer Lernergebnisse einschätzen zu können
(diagnostische Kompetenz);
·
reichhaltiges
methodisch-didaktisches Wissen und Können, wozu auch gehört, dass die
Lehrperson die Vor- und Nachteile der einsetzbaren didaktischen Möglichkeiten
und die Bedingungen kennt, unter denen diese Erfolg versprechend eingesetzt
werden können (didaktische Kompetenz) sowie
·
die
Fähigkeit, eine Klasse so zu führen, dass sich die Lernenden - als
Grundvoraussetzung für Lernfortschritt und Lernerfolg - aktiv, anhaltend und
ohne ein Zuviel an störenden Nebenaktivitäten (hohe Time-on-task-Werte) mit dem
Unterrichtsgegenstand auseinandersetzen können (Klassenführungskompetenz)" (Hervorhebung von mir, B.W.).
Betrachtet man die hier genannten Kompetenzen,
so kann schnell deutlich werden, dass hier Fähigkeiten angesprochen werden, die
zwar die zentralen Kernbereiche des Lehrerhandelns betreffen, gleichzeitig aber
auch sehr voraussetzungsreich sind. Denn während sich das notwendige Sachwissen
noch überwiegend im Studium erwerben lässt, entstehen die anderen Kompetenzen
erst im Verlauf eines langjährigen praktischen Entwicklungsprozesses:
Kompetenzen von Lehrkräften - darauf weist z.B. Ewald Terhart (2004)
ausdrücklich hin - entstehen „nicht in Form eines abrupten qualitativen Sprungs
vom Nichts zum Vollbild. Vielmehr entwickeln sie sich allmählich über bestimmte
Vorformen bzw. Vorstufen hin zum individuell maximal Erreichten".
TIPPs:
·
Nicht
nur Berufsanfänger/innen sollten im Blick haben, dass die Empfehlungen für
einen anderen Umgang mit Heterogenität insgesamt - durch eine Vervielfältigung
von parallel ablaufenden Lernprozessen und einer damit einhergehenden
Vervielfältigung von Entscheidungsnotwendigkeiten - zu einer Steigerung von
Komplexität des an sich schon komplexen Handlungsfeldes Unterricht führen.
·
Dies
führt zu einem Dilemma im Hinblick auf Empfehlungen für die Unterrichtspraxis
bzw. dann auch im Hinblick auf die eigene Unterrichtsgestaltung: Verfahren der
inneren Differenzierung scheinen einerseits besonders Erfolg versprechend, wenn
sie möglichst weit reichend und konsequent umgesetzt werden. Andererseits birgt
dies aber dann eben auch die Gefahr einer Überforderung durch die Erhöhung von
Komplexität.
·
Sinnvoll
erscheint im Hinblick auf diese Problematik eine Strategie der kleinen Schritte
zu sein, bei denen besonders die eigenen Kompetenzen sowie die der Lerngruppe
(s.u.) einen wichtigen Stellenwert besitzen sollten. Die so zahlreich
vorliegenden Methoden und Verfahrensvorschläge wären dabei dann nicht als
Maßstab für die eigene Praxis, sondern als Angebot und Fundgrube zu
nutzen.
2. 5 Notwendige
Schülerkompetenzen
Innere Differenzierung stellt nicht
nur hohe Ansprüche an die Lehrerkompetenz, sondern auch auf Schülerseite: Unterschiedliche,
aber zeitgleich ablaufende Lernprozesse sind nur zu realisieren, wenn die
Lernenden - sei es allein oder in Gruppen - ihren Lernprozess eigenständig
organisieren können und wollen. Schülerinnen und Schüler benötigen also erstens
entsprechende motivationale Orientierungen und zweitens Kompetenzen zu
selbstgesteuertem Lernen. Beides ist keineswegs automatisch vorhanden, und
insbesondere die erforderlichen Lernkompetenzen müssen angebahnt werden, was
Zeit für systematische Anleitung und Übung braucht.
Die Notwendigkeit für eine
Sicherstellung der erforderlichen Schülerkompetenzen zu sorgen, wird dadurch
unterstrichen, dass offene und selbstständigkeitsorientierte Lernarrangements
ansonsten keinesfalls allen SchülerInnen gleiche Lernchancen bieten. Denn es
ist empirisch vielfach bestätigt, dass SchülerInnen
(1)
mit
niedrigem Intelligenzniveau und niedrigem Vorwissen,
(2)
mit
hohem Angstniveau, ungünstigen Einstellungen und motivationalen Orientierungen
(Erfolgszuversicht vs. Misserfolgsfurcht) sowie
(3)
aus benachteiligten
sozialen Schichten
eher aus einem (hoch-)strukturierten
Unterricht mit festen Vorgaben Nutzen ziehen können, während leistungsstarke
und gut motivierte Lerner stärker zur Selbststeuerung des Lernens fähig und
auch bereit sind (vgl. z.B. Helmke/Weinert 1997).
TIPPs
·
Individualisierung
und Differenzierung im Unterricht sind nicht - wie dies programmatisch mitunter
suggeriert wird - für alle Schülergruppen gleich gut geeignet. Formen des
Offenen Unterrichts und direkte Instruktion sollten folglich nicht
gegeneinander ausgespielt werden; empirische Ergebnisse sprechen vielmehr
dafür, dass eine Kombination aus differenzierenden Verfahren und direkter
Instruktion - also einem lehrergelenkten Unterricht - als besonders Erfolg
versprechend und machbar zu bewerten ist.
·
Die
unterschiedlichen Schülervoraussetzungen im Hinblick auf die Lernkompetenz
unterstreichen die Notwendigkeit einer systematischen Einübung solcher
Kompetenzen, um die Benachteiligung der o.g. Schülergruppen nicht weiter zu
verschärfen. Werden offenere Lernangebote bereitgestellt, sollten überdies
folgende Fragen im Blick behalten werden:
o
Verfügen
alle SchülerInnen über die notwendigen Lernkompetenzen, um ein offenes Angebot
auch nutzen zu können?
o
Welche
zusätzlichen strukturierenden Lernhilfen sind notwendig?
o
In
welcher Weise können sie bereit gestellt werden?
·
Vor
allem wer als Fachlehrerin/Fachlehrer nur mit wenigen Stunden in einer
Lerngruppe eingesetzt ist, wird mit Blick auf die notwendigen
Schülervoraussetzungen mit Schwierigkeiten bei der Implementation
differenzierender Lernarrangements rechnen müssen. Insofern scheinen gemeinsame
Schritte der Unterrichtsentwicklung - im Sinne einer systematischen Förderung
von Lernkompetenzen (vgl. z.B. Czerwanski u.a. 2002/2004) - letztendlich
unumgänglich zu sein. Dazu muss aber nicht immer das Kollegium als Ganzes
gewonnen werden, sondern denkbar wären auch erste Kooperationsversuche mit
KollegInnen, die in derselben Lerngruppe unterrichten.
2. 6 Widersprüchliche
Anforderungen im Umgang mit Heterogenität
In den programmatischen Empfehlungen
häufig übersehene, aber von der Lehrerinnen und Lehrern zugleich häufig
genannte Schwierigkeiten im Umgang mit Heterogenität lassen sich analytisch
betrachtet auf grundsätzliche Widersprüche des Lehrerhandelns zurückführen.
Professionstheorien sprechen hier auch von Antinomien oder Paradoxien und
bringen damit zum Ausdruck, dass es sich dabei um Problemkomplexe handelt, in
denen im Kern unvereinbare Anforderungen aufeinanderprallen, denen man als Lehrerin/Lehrer
aber zeitgleich gerecht werden muss (vgl. ausf. Wischer 2008).
Für den Umgang mit Heterogenität und
konkret auch für die Realisierung von innerer Differenzierung spielen dabei vor
allem zwei Spannungsfelder eine Rolle:
1. Selektion und Fördern
Ein erstes Spannungsfeld liegt in
der Antinomie von Fördern und Auslesen, das sich auch als Widerspruch zwischen
den pädagogischen und den selektionsbezogenen Aufgaben der Schule beschreiben
lässt: Während der pädagogische Auftrag darauf zielt, alle so zu fördern, dass
sich ihr Potenzial optimal entfalten kann, besteht das mit der
gesellschaftlichen Funktion der Schule verbundene Mandat, Schülerleistungen
nach einem einheitlichen Maßstab zu vergleichen, um auf dieser Basis dann
(ungleichwertige) Berechtigungen zu erteilen. Das damit verbundene Dilemma hat
eine im Rahmen von TIPP befragte Lehrerin so beschrieben: „Man weiß ganz genau,
wenn ich dem Schüler eine Drei hinschreibe und irgendein anderer hat 'ne Drei,
dann muss das auch nach außen vergleichbar sein. Zumindest denken alle, wenn da
eine Drei steht, dann leistet er genau das gleiche wir der andere Schüler mit
einer Drei. Und man hat dann Probleme, wenn jemandem die Aufgabe auf seinem
Niveau anpasst und er dann toll arbeitet und zu tollen Ergebnissen kommt, dass
die Ergebnisse von vornherein auf einem ganz anderen Niveau liegen als bei den
anderen Schülern. Da kann ich also schlecht eine Eins geben".
2. Individualnorm vs. Gruppennorm
Forderungen nach innerer
Differenzierung stellen in der Regel den individuellen Lernzuwachs der
SchülerInnen in den Vordergrund, denn es wird ja betont, dass jeder Einzelne
optimal gefördert werden soll. Übersehen wird so schnell, dass dieses Anliegen
mit Zielen konkurrieren kann, die sich nicht auf den Einzelnen (Individualnorm),
sondern auf die Verteilung von Merkmalen innerhalb einer Lerngruppe beziehen
(Gruppennorm). So besteht für Unterricht auch das Ziel, dass Unterschiede im
Sinne eines Chancenausgleichs abgebaut oder doch zumindest auf ein solches Maß
begrenzt werden, dass gemeinsames Lernen noch möglich bleibt. Sollen beide
Ziele gleichermaßen berücksichtigt werden, dann ergibt sich folglich die
zentrale Frage, wie ein möglichst hoher individueller Lernzuwachs erreichbar
ist, ohne dass sich die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern vergrößern.
Die Forschung zum Konzept des zielerreichenden Lernens hat hierzu schon in den
1970er Jahren aufzeigen können, dass beide Ziele zumindest nicht ohne
Einschränkungen erreichbar sind (vgl. Weinert 2001): Durch die zusätzliche
Lernzeit für langsamere Lerner - wie es in diesem Konzept vorgesehen ist -
lassen sich Leistungsunterschiede zwar partiell vermindern, der zusätzliche
Zeitbedarf nimmt aber nicht in bedeutsamer Weise ab. Da so die langsameren
Lerner dauerhaft auf ein (zum Teil wesentlich) höheres Zeitbudget angewiesen
sind, ist als Problem zu lösen, wie die Schnelleren diese Zeit nutzen können.
Der als „Time-achievement-equality-dilemma" (Arlin 1984, 66) bezeichnete
Konflikt besteht darin, dass entweder das Unterrichtstempo für diese Lerner
reduziert werden muss, um den Bedarf an zusätzlicher Lernzeit für die
Langsameren überschaubar zu halten. Oder aber die Leistungsdivergenzen werden -
wenn die Schnelleren die ‚Wartezeit' optimal nutzen - so vergrößert, dass ein gemeinsamer
Klassenunterricht schwierig wird (vgl. zusf. auch Rauin 1987).
TIPPs
·
Ganz
entscheidend ist: Widersprüche des schulischen Handlungsfeldes sind strukturell
angelegt und lassen sich deshalb nicht zu einer Seite auflösen.
·
Probleme
entstehen deshalb, wenn eine Seite ignoriert und ausgeblendet wird.
·
Aus
professionstheoretischer Perspektive gilt deshalb der wichtige Hinweis, dass
die jeweils beiden Seiten überhaupt bewusst sind, um zwischen ihnen dann eine
Balance zu finden. Wie eine solche Balance im Einzelnen aber genau aussieht,
lässt sich jedoch nicht pauschal beantworten.
·
Ein
erster wichtiger Schritt bestünde darin, sich dieser Widersprüche für das
eigene pädagogische Handeln bewusst zu machen. Dazu eignet sich auch hier die
bereits unter Punkt 3 genannte Kraftfeldanalyse.
Literatur:
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Heterogenitaet Vortrag Studienseminar.24.11.08.ppt