Zusammenfassung der Beschreibung und Analyse der unterschiedlichen Schul- und Ausbildungssysteme der am Projekt TIPP beteiligten Länder

Die Analyse der Beschreibungen der Schul- und Ausbildungssysteme der sechs am Projekt TIPP beteiligten Länder zeigt, dass in einigen Ländern aufgrund des  Bolognaprozesses vor allem in der Lehrerausbildung – weniger in den Schulsystemen – ein starkes Umdenken und Umstrukturieren stattgefunden hat, gegenwärtig noch stattfindet oder für die nächsten Jahre geplant ist.

Während es in Polen in den letzten 8 Jahren durch die Umstrukturierung des Schulsystems weg vom stärker selektierenden Schulsystem zu einer einheitlicheren, integrierenden Schulausbildung bis zum 9.Schuljahr gekommen ist, hat sich in den anderen am Projekt beteiligten Ländern kaum eine Veränderung ergeben, auch nicht initiiert durch die Pisa-Ergebnisse. Das finnische  Schulsystem ist bereits seit langem stark integrierend bis zum 9. Schuljahr ausgelegt; das Extrem auf der anderen Seite bilden die Schulsysteme Deutschlands (hier Nordrhein-Westfalen) und Österreichs, die bereits nach dem 4. Schuljahr selektieren und das auch bereits seit Jahrzehnten praktizieren. Tschechiens Grundschule dauert 6 Jahre, die in Litauen ebenfalls.

Auf diesen sehr unterschiedlichen  Strukturen basiert die Lehrerausbildung in den am Projekt beteiligten Ländern:

➢    Das polnische Lehrerausbildungssystem baut aufeinander auf, hier kann jeder auszubildende Lehrer im Verlauf seiner Berufskarriere bis hin zum Lyceum Lehrer werden; dies wird nicht durch die Ausbildungsstruktur vorgegeben. 
➢    Im finnischen Lehrerausbildungssystem zeigen sich ähnliche Tendenzen, während das tschechische und das litauische Ausbildungssystem für Lehrer stärker hierarchisch aufgebaut sind.
➢    Die Lehrer und Lehrerinnen, die in Deutschland (hier Nordrhein-Westfalen) und Österreich ausgebildet werden, haben unterschiedliche Ausbildungszeiten: In Nordrhein-Westfalen absolvieren angehende Grund-, Haupt- und Realschullehrer sieben Semester an einer Universität und zwei Jahre Referendardienst an einem Studienseminar und einer Ausbildungsschule. Die Lehrer für Gymnasien, Gesamtschulen und Berufskollegs müssen darüber hinaus eine um zwei Semester längere Studienzeit absolvieren. In Nordrhein-Westfalen soll sich dies erst ab 2015 ändern.

Bei den Arbeitsbelastungen steht der deutsche Lehrer an der Spitze, er unterrichtet aufgrund der höchsten Unterrichtsstundenzahlen, aber wohl auch der größten Klassen, in der Regel die meisten Schüler. Am deutschen System fällt außerdem auf, dass der am besten bzw. am längsten ausgebildete Lehrer die wenigsten Wochenstunden (25,5) zu unterrichten hat und im Vergleich zu anderen deutschen Lehrern, die bis zu 29,5 Wochenstunden unterrichten, die höchste Bezahlung erhält. Dennoch liegen auch hier die geleisteten Unterrichtsstunden zum Teil weit über den in anderen Ländern geleisteten Unterrichtsstunden.

Die Arbeitsbelastung der an den Schulen tätigen Lehrer kann im internationalen Vergleich kaum einen gemeinsamen Nenner erbringen. Dennoch liegt nach Angaben aller am Projekt beteiligten Institute für die Lehrer ein extrem hohes subjektiv wahrgenommenes Gefühl von zu hoher  Arbeitsbelastung vor. Das lässt sich auch an der Auswertung der eingesetzten Fragebögen zur Heterogenität nachweisen; allerdings handelt es sich hierbei um Stichproben, die nur bedingt repräsentativ einzuschätzen sind.

Resümierend lassen sich aus der Analyse der Beschreibungen der Schul- und Lehrerausbildungssysteme Gesichtspunkte ableiten, die mit der Zielsetzung des Projektes TIPP deckungsgleich und damit für alle am Projekt beteiligten Partner weiterführend sind:

➢    Für Lehrerinnen und Lehrer, die sich in der Phase des Berufseinstiegs befinden, muss ein Bündel von Unterstützungsmaßnahmen angeboten werden; außerdem müssen Entlastungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.
➢    Der Umgang mit heterogenen Lerngruppen scheint in allen Lehrerausbildungssystemen  förderungswürdig zu sein.
➢    Das Entwickeln diagnostischer Kompetenzen sowie individuelles Lernen und Fördern müssen in der Lehrerausbildung deutlicher in den Blick genommen werden.
➢    Methoden zur Portfolioarbeit, zur Videografie, zur Erstellung von Log- bzw. Tagebüchern sollten weiter entwickelt werden.
➢    Darüber hinaus erscheint es  äußerst sinnvoll, den Bereich der Selbst- und Metareflexion stärker zu fokussieren. Vor allem in den osteuropäischen Ländern scheinen diesbezüglich Entwicklungen notwendig zu sein.  

Die aufgeführten Gesichtspunkte müssen - neben ihrer Berücksichtigung in der Phase des Berufseinstiegs (zweite Phase der Lehrerausbildung) - auch in der ersten Phase der Lehrerausbildung an den Universitäten und Hochschulen verankert werden.