Individuelle Förderung
Zur Textgestaltung und Textinterpretation im Sprachunterricht.
Von der Heterogenität und Diversität der Schülerentwürfe zum besseren Verstehen von Ich, Du, Gegenseitigkeit und Welt
Pavla Zajícová, Universität Ostrava
In diesem Aufsatz werden am Beispiel von Unterricht
Deutsch als Fremdsprache Bausteine zweier sprach- bzw.
fremdsprachenunterrichtlichen Konzepte vorgestellt, deren Ziel darin besteht, einen
Raum für den inhaltlich freien ästhetischen Ausdruck der Ich-, Du- und Welterfahrung eines jeden
Schülers und für den gegenseitigen Austausch zu eröffnen.
Im Rahmen des ersten Konzepts werden elementare
Schritte begründet und beschrieben, die den produktiven Ausgangspunkt jeder subjektiv-spielerisch-experimentellen
und zugleich sprachsystematisch relevanten Textproduktion darstellen können.
Dieses erste Konzept versteht sich somit als Beitrag zur didaktischen Konzeptualisierung
des kreativen Schreibens. Das zweite Konzept ist auf die Textrezeption und
-interpretation orientiert und vollzieht die Möglichkeiten der einfachen
Textinszenierungen im Sprachunterricht nach, die auf drama- und theaterpädagogischen
Zugängen zum Text gründen.
Beide Konzepte wollen den aktuellen Erkenntnissen der
Lernpsychologie Rechnung tragen, nach denen der optimale Sprachlernweg
mannigfaltig und abwechslungsreich gestaltet werden und alle potentiellen
Lernmodalitäten integrieren sollte - darunter das authentische sprachliche
Handeln, die Erfahrung, den größtmöglichen subjektiven und intersubjektiven
Zusammenhang, das Entdecken, die Imagination, die ästhetische Entscheidung, die
sinnliche Wahrnehmung, die nonverbale Ebene der sprachlichen Kommunikation und
die nonverbalen Verständigungskodes, die Körperlichkeit, den Raumbezug, die
Reflexion.[1]
Die hier beschriebenen konzeptuellen Bausteine haben
einen allgemeinen Charakter. Erst in Abhängigkeit vom Alter der Schüler und von
ihrer sprachlichen Progression werden sie konkretisiert: in den Anforderungen
an die Textgestaltung und in der Auswahl der Ausgangstexte für die angestrebte
Inszenierung.
Im Verfahrensspektrum und in der Spannbreite vom
gelenkten über den halbgelenkten zum freien sprachlichen Ausdruck ist der
Standort beider Konzepte folgendermaßen zu charakterisieren: Es geht darum,
dass die Schüler jeweils ihre eigenen inhaltlichen bzw. interpretatorischen Vorstellungen
zum Ausdruck bringen und realisieren können, auf der anderen Seite werden sie
formal unterstützt - beim kreativen Schreiben durch schmale grammatische bzw.
textstrukturelle Vorgaben, bei der Textinszenierung stellen der zu
inszenierende Text und die Inszenierungsmittel den Formrahmen dar.
Die kreativen Schreibversuche und die theaterspezifischen Textinszenierungen
unterliegen den gleichen Gesetzmäßigkeiten des Unterrichtsaufbaus und des
Lernprozesses wie die auf den Wissenserwerb, auf die Aneignung und Festigung
der sprachlichen Mittel oder die auf den Fertigkeitenausbau orientierten
Bausteine - im Hinblick auf Distribution, Dosierung, Proportionen, Fortschritt
bzw. auf benötigte Materialien, Medien, Hilfen.
Der Aufsatz besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil werden
die theoretischen Ausgangspositionen der beiden Konzepte kurz diskutiert.
Im zweiten und dritten Teil wird die theoretische
Begründung der Konzepte spezifiziert und die Konzepte werden beschrieben und
mit Beispielen begleitet.
1. Theoretische Ausgangspositionen
Im philosophisch-pädagogischen Kontext wird Verstehen als eine der
Grundmodalitäten der menschlichen Existenz, als Ausdruck der Beziehung des
Einzelnen zu sich selbst, zum Anderen und zur Welt, als das Grundphänomen des
sozialen Lebens analysiert.[2]
Mit der Frage, wie Ich und Du sich selbst und sich
gegenseitig, wie sie die Welt verstehen, wird der Mensch täglich in allen seinen
Lebensbereichen konfrontiert - von den intimen familiären und freundschaftlichen
Beziehungen über Lernwege, berufliche Strukturen, Lebenskulturen, Wissensparadigmen,
Weltpolitik bis zur Sinnsuche. Die moderne europäische Schule nimmt deshalb
sicherlich zurecht die hierarchisch höchste Aufgabe auf sich, die Heterogenität
und Diversität der Schülerwelten wahrzunehmen und darauf
aufbauend Lernmöglichkeiten zu gestalten, durch die die Schüler sensibilisiert
werden für die Erfahrung der Gegenseitigkeit, Toleranz und Solidarität, der demokratischen
Verhaltensmuster, der Aufgeschlossenheit und Empathie gegenüber der Andersheit -
und für das Bewusstwerden der Relevanz dieser Erfahrung im Hinblick auf die
Möglichkeiten eines besseren gegenseitigen Verstehens.[3]
Inmitten der zahlreichen Zeichen- bzw.
Verständigungssysteme wird Sprache für das komplexeste System
gehalten.
Durch Sprache und Text bringen Ich und Du zum Ausdruck, wie sie die Welt
verstehen, durch Sprache und Text erfahren sie, wie der Andere die Welt
versteht. Durch Sprache und Text erkennen Ich und Du die Welten, die es gibt und
die es geben könnte. Umso selbstverständlicher die Frage: Wie kann der Sprachunterricht
durch seine innewohnenden Möglichkeiten der Sprach- und Textarbeit dazu
beitragen, dass die tägliche schulische Begegnung der Schüler den Fragen der Heterogenität, der
Diversität und der sich im Dialog zu entfaltenden Identitätsbildung[4]
Rechnung trägt und Wege zum besseren gegenseitigen
Verstehen eröffnet?
Die wichtigsten theoretischen
Inspirationen für die Annäherung an die Heterogenitätsfrage in ihrer vollen
Verstehens-Dimension[5]
haben in der Tausende Jahre währenden Geschichte des Fremdsprachenunterrichts[6]
ein spätes Datum. Als der erste Denker, der auf die Unhaltbarkeit der Kategorie
„Ich" ohne die Kategorie „Du" hingewiesen hat, wird Feuerbach bezeichnet (Laing
et al. 1971:13). Seiner Analyse der Relevanz von Du als Grenze und
Wachstumsmöglichkeit des Ich zugleich folgen spätere Analysen von Sprache als
Raum der Begegnung und des Miteinander-Seins: Sprache als „Haus des Seins" (Heidegger 1991:
24), als denkende Vermittlung im Dialog von ICH und DU (Buber 1994), als
„Verstrickung" in gemeinsame Geschichten (Schapp 1985), als die in der
Narration stattfindende Gestaltung der individuellen, sozialen und historischen
Kohärenz (Carr 1986), als permanente „Verständigung im Gespräch", Verschiebung
und Verschmelzung der Horizonte, die „eine Verwandlung ins Gemeinsame hin" nach sich
zieht, „in der man nicht bleibt, was man war" (Gadamer 1990:
384).
Nur im Gespräch können Konstruktionen
des Ich und des Du verglichen, Spannungen zwischen Intentionen und
kommunikativen Effekten überbrückt, Diskontinuitäten erklärt, Leerstellen
gefüllt, nonverbale Botschaften gedeutet, Narrationen ausgetauscht, Einstellungen
mitgeteilt, Beziehungen aufgebaut, Welterfahrungen und Visionen erzählt werden.
Im pädagogischen Kontext kann die Geschichte
des Heterogenitätsthemas an zwei seit Jahrtausenden gestellten Fragen verfolgt
werden: einerseits an der Suche nach dem ganzen Menschen von der Idee der Kalokagathia über
unterschiedliche Konstellationen von Sein, Wissen, Handeln, Glauben,
Sprache, Erleben, Körperlichkeit, Liebe, Spiel, Autonomie, Sexualität, ökonomische
Bedingtheit, Intentionalität, Kreativität bis zu den Thematisierungen
der Alternativen, andererseits an der Ideen der Gleichberechtigung, der Selbst-
bzw. Mitbestimmung, der Chancengleichheit.[7]
Trotz der Gewichtigkeit der zahlreichen
theoretischen Anregungen erscheint ihre Umsetzung im Unterrichtsalltag kaum als
selbstverständlich. Die Schwierigkeit sehen wir in der bestehenden Spannung
zwischen der kognitiven Aneignung der Konzepte als Wissenssysteme und der
bislang unbefriedigenden Beschaffenheit des makro- und mikrodidaktischen Rahmens,
in dem das Unterrichten stattfindet. Es kann eine Zweigleisigkeit beobachtet
werden. Auf der einen Seite erwerben die künftigen Lehrer während ihres
Studiums wertvolles Wissen, auf der anderen Seite haben sie wenig Möglichkeit,
dieses Wissen effektiv zu interiorisieren. Sie gehen von ihrer eigenen
Lernbiographie aus, die meistens kaum durch das Kennenlernen von Alternativen
zum reinen Wissenserwerb geprägt wurde. Die Schulen, in denen die Studenten
praktizieren, wo sie ihre ersten Unterrichtsversuche durchführen und wo sie
dann als Berufseinsteiger angestellt werden, stellen oft feste, schwer zu
beeinflussende Strukturen dar - manchmal ist es sogar schwer möglich, die
frontale Sitzanordnung der Klasse zu modifizieren. Die beginnenden Lehrer
werden mit normativen Anforderungen an die Leistung der Schüler konfrontiert
und gleichzeitig müssen sie ihren Unterrichtsstil samt Zeitmanagementkompetenz
erst aufbauen. Und nicht zuletzt - sie stützen sich auf vorhandene Lehrwerke, in
denen keine befriedigende Hinführung zu einem abwechslungsreichen,
multimodalen, auf Diversität der Zugänge gründendes Lernen vorstrukturiert wird.
Ausgehend von den oben diskutierten
theoretischen Inspirationen, vom Stand der Lernforschung und von der Relevanz
des Heterogenitätsthemas halten wir es deshalb für notwendig, produktive
Lernwege zu konzeptualisieren, mit deren Hilfe:
-
die kreativen Leistungen der Schüler als
gleichberechtigte Mitspieler der paradigmatischen Welten des Wissens ihren Raum
im Lernprozess bekommen;
-
die autonome Erfahrung, die schülereigenen
Assoziationen, Erinnerungen, Fragen, Argumente, Imaginationen und
Zukunftsentwürfe zum Ausgangspunkt für narrative Mitentscheidungen über
die Relevanz der paradigmatischen, von außen kommenden Welten wird;
-
die Öffnung der Lerninhalte und Lernformen für die
autonomen Konstruktionen der Schüler einen Austausch und eine Gegenseitigkeit anregen.

2. Kreatives Schreiben im Sprach- und Fremdsprachenunterricht[8]
Ausgewählte Bausteine des Konzepts wurden
vom Mitarbeiter des Germanistischen Instituts der Universität Ostrava Milan
Pišl im Rahmen der Internationalen TIPP-Konferenz in Bielefeld am 4.6.2009 im
Workshop „Elementare Verfahren zur Initiierung des kreativen Schreibens im
Unterricht DaF" präsentiert.
Die Grundlage des Kreativen Schreibens im
Sprach- bzw. Fremdsprachenunterricht fassen wir als Arbeit in zwei Richtungen
auf. Es geht uns sowohl um langsame und intensive Wahrnehmung und Ausnutzung der
Sprach- und Textstrukturen als auch um den schriftlichen Ausdruck der eigenen
Welterfahrung und des eigenständigen Inhalts und um den gegenseitigen Austausch.
Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen,
dass es bereits mehr als genug Anregungen zum kreativen Schreiben gibt.
Tatsächlich - die vorhandene Literatur liefert ein fast unübersichtliches Bild.
Die Fülle der Anregungen erschwert allerdings den Blick auf das Wesentliche. Im
Kontext des Sprachunterrichts kann es nämlich nicht nur um die inhaltliche
Freiheit und um Originalität gehen, sondern auch um den langsamen Erwerb der
formalen Mittel und um die Kompetenz des flexiblen Umgangs damit. Nach dem
eigentlichen Anfang des kreativen Schreibens, der sicherlich im Erleben, in der
Beobachtung, im Zuhören, in der Bewertung und im In-Beziehung-Setzen beruht, wollen
wir bestimmte sprachliche Handlungsrichtungen hervorheben, die unseres
Erachtens die Achse des kreativen Schreiben-Lernens bilden. Es sind 1) das Generieren
der Motive und Gedanken, 2) deren Sortieren, Auswahl, Bildung der ersten
Strukturen, Kategorien und Anordnungen, 3) bewusstes Wahrnehmen und durchdachtes
Anwenden der Sprachstrukturen, 4) bewusstes Strukturieren des Textes. Alle
diese Richtungen sind als Fertigkeit zu entfalten - sie basieren also auf
langfristiger kleindosierter spielerischer und experimenteller Arbeit in einem
Zirkel der Schritte, in denen sich sprachliche Modelle, eigene Produktionen, Reflexionen,
Überarbeitungen und Präsentationen abwechseln und ständig wiederholen. Das
kreative Schreiben-Lernen im Sprachunterricht soll und kann unserer Auffassung
nach nicht mit der Produktion von einem freien Text zu einem komplexen Impuls
(z.B. philosophisches Zitat, Musik) erst im Studium an der Hochschule oder am
Gymnasium beginnen, sondern sollte ein natürlicher und dauerhafter Gegenpol des
gelenkten Schreibens sein - ab dem allerersten Schreibanfang.
In den Lernweg können und sollten -
nach Intention, Bedürfnis und Maßgabe der Zeit - zwar unbedingt auch
abwechslungsreiche nichtsprachliche Impulse, Vorgaben zum Erwerb von
Schreibtechniken und zum Umgang mit Schreibblockaden, weiter Instruktionen und
Schreibversuche zum Adressaten- und Medienbezug, zum funktionalen Stil, zum
Perspektivenwechsel, zur Arbeit mit den stilistischen Figuren und nicht zuletzt
Textpräsentationsfertigkeiten integriert werden. Für die langfristige Arbeit
haben wir jedoch vier Bausteine im Blick, die unserer Auffassung nach besondere
Bedeutung haben, weil sie für das Schreiben sowieso notwendig sind
(Assoziieren) und weil sie eine langfristige Basis jeder sprachlichen
Schreibleistung und deren Entwicklung darstellen. Dies ist Arbeit mit
Assoziationen, mit sprachlichen Äquivalenzen, mit den kleinen Formen und mit
den Textstrukturen. Der Reihe nach wollen wir diese vier Bausteine kurz
begründen.
- Assoziieren.
Von Aristoteles über Vygotski bis zu den neuesten Befunden der Neurodidaktik:
Sie alle bringen uns bei, dass jede eigenständige bzw. kreative Schreibleistung
bei den Assoziationen, bei der inneren Rede und deren Ausbau beginnt. Mag sein,
dass ein geübter Schreiber ohne explizites Assoziieren auskommt. Trotzdem
halten wir es für eine unumgängliche Aufgabe des Sprachunterrichts, diesen
Schritt dem Schüler explizit anzubieten, ihn transparent zu machen und solche
Verfahren in das Sprachlernen zu integrieren, in denen die eigenen
Assoziationen generiert, sortiert, angeordnet und hierarchisiert, entfaltet und
textgemäß strukturiert werden - bis zur Herausbildung, Festigung und
Automatisierung einer Assoziationsgewohnheit. Verbale Reihenspiele und
Wettbewerbe mit Assoziationen, die Gestaltung und Strukturierung von
Assoziogrammen - zuerst in Gruppen- oder Paararbeit, erst dann individuell,
Clustering, Mind-Mapping, Brainstorming, Perspektivierung sollten immer wieder dargeboten
und reflektiert werden.
Beispiel 1
Ich bin der Mond (spielerisches
Assoziieren von Wörtern mit Bewegung). ![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
Alle Teilnehmer (T) sitzen im Kreis. Der beginnende T hat zu
seiner linken und rechten Hand jeweils einen Stuhl frei. Er sagt. „Ich bin der
Mond (M). Wer passt zu mir?" Zwei T, die am schnellsten ihre Assoziation
aussprechen („Ich bin die Nacht, ich bin die Sonne, ich bin Neil Armstrong
..."), besetzen die freien Stühle neben dem Mond. „Der Mond" legt seinen Arm
auf die Schulter von einem seiner zwei neuen Nachbarn und sagt z.B.: „Ich nehme
die Nacht." Beide gehen zurück in den Kreis. „Die Sonne" setzt sich in die
Mitte und setzt fort: „Ich bin die Sonne. Wer passt zu mir?"
M
![]()
Beispiel 2
Écriture
automatique (Übung zum Abbau von Schreibblockaden). Alle Anwesenden schreiben ungefähr
zehn bis fünf Minuten lang alles auf, was ihnen zu einem gegebenen Stimulus
einfällt. Alle anderen Regeln sind außer Notwendigkeit gesetzt. Man darf Fehler
machen, man darf in die Muttersprache oder eine dritte Sprache übergehen.
Wichtig ist, dass man nicht aus dem Schreibfluss gerät. Der Stift soll
möglichst immer im Kontakt mit dem Papier sein und in Bewegung bleiben. Wenn
die Gedanken stocken, wird die Schreibmotorik so lange fortgesetzt, bis wieder
ein Gedanke kommt (nach Hornung 1996: 228). Kurze ausgewählte Textpassagen
können - leicht überarbeitet - anschließend im Plenum vorgelesen werden.
-
Äquivalenzen.
Der sprachliche Ausdruck basiert in der Regel auf grammatischen Strukturen. Im
Sprachunterricht werden die grammatischen Strukturen bewusst gemacht - im
Muttersprachenunterricht vorrangig auf der Ebene der Metasprache, im
Fremdsprachenunterricht vorrangig auf der Ebene des Verstehens, Erlernens,
Automatisierens. Gleichzeitig findet die Bewusstmachung der grammatischen
Strukturen in einem ständigen Zusammenspiel von Rezeption und Produktion statt.
In diesem Zusammenspiel bietet sich die didaktische Nutzbarmachung des
Jakobsonschen poetischen Äquivalenzprinzips[9]
an als eine Grundlage für langfristiges Sprachlernen als Anwenden der
poetisch-grammatischen Äquivalenzen in eigenen poetischen Paralleltexten, in
denen die jeweilige Struktur eines rezeptiv verarbeiteten poetischen Textes zu
einem nicht nur inhaltlich-kreativ, sondern auch formal-grammatisch
modifizierbaren Modell für den eigenen, inhaltlich selbstbestimmten Textversuch
wird. Es zeigt sich, dass mithilfe der ausgewählten Literaturbeispiele eine
didaktische Progression gestaltet werden kann - von der graphisch-metrischen
über die phonologische, morphologische, lexikalische, syntaktische bis zu der
textstrukturellen Ebene (Zajícová 2008: 187-215).
Beispiel
Als poetisch-grammatisches Modell
wird das Tucholsky-Gedicht gemeinsam gelesen, die Äquivalenzen der verbalen
Akkusativ-Rektion werden erkannt, weitere einfache Verben mit der Akkusativ
oder Dativ-Rektion werden vorgeschlagen.
Kurt Tucholsky ... (Gesammelte Werke
in 10 Bänden, Band 6, 1928. Rowohlt 1985)
KURT TUCHOLSKY
Peter Panter . Theobald
Tiger . Ignaz Wrobel
Kaspar Hauser
|
haßt: das Militär die Vereinsmeierei Rosenkohl den Mann, der immer in der Bahn die Zeitung mitliest Lärm und Geräusch ´Deutschland´ |
liebt: Knut Hamsun jeden tapfern Friedenssoldaten schön gespitzte Bleistifte Kampf die Haarfarbe der Frau, die er gerade liebt Deutschland |
Primäre Äquivalenz:
verbale Rektion, Akkusativ-Objekt.
(Sekundäre
Äquivalenz: Relativsatz, Adjektiv im Attribut.)
Modifikationen:
sich freuen auf/über, Angst haben vor, sein für/gegen, sich bedanken bei - für,
bewundern, gern diskutieren mit - über, sich sehnen nach, wünschen jdm. etwas,
warten auf, sich interessieren/nicht interessieren für ...
Aufgabe: Schreiben eines einfachen
kohärenten Textes zum gewählten Verb.
-
Kleine
Formen. Einen weiteren wichtigen Schritt zur Entwicklung der kreativen und
zugleich sprachbewussten Sprachanwendung stellt das Experimentieren mit den so
genannten kleinen Formen dar. Folgende Kategorien erlauben zahlreiche
thematische Modifikationen:
·
Piktogramme
·
Wachsgedichte
Beispiel eines Schülertextes
Wann
Wann?
Wann kommst du?
Wann kommst du? Heute?
Wann kommst du? Heute oder morgen?
Wann kommst du? Heute oder morgen?
Ich warte.
Wann kommst du? Heute oder morgen?
Ich warte und freue mich auf dich.
·
Konstellationen
(variierte Gruppierungen von wenigen Worten und deren Anordnungen in jeweils
unterschiedlichen Bildern bzw. Konstellationen)[10]
·
Anagramme
(Wortbildung durch Umstellung der Buchstaben in einem vorhandenen Wort; z.B.
aus ´schreiben´: ´ei´, ´Ei´, ´ein´, ´eins´...; aus den neu entstandenen Wörtern
wird ein kurzer Text zusammengestellt und anschließend vorgelesen)
·
Akrostichen
(die Anfangsbuchstaben in Wortfolgen oder Versfolgen bzw. die Anfangswörter in
Versfolgen ergeben ein Wort bzw. einen sinnvollen Satz)
·
Elfchen
Zwei Beispiele von Schülertexten
|
Blau Dein Hemd Du kommst näher Jetzt kann ich sagen Hallo! |
Grün Frisches Basilikum Der Kuchen - herrlich Lass ihn dir schmecken Danke |
·
Haiku
(japanischer Dreizeiler mit jeweils 5-7-5 Silben in der Zeile; ist an weitere
formale und inhaltliche Regeln gebunden; Zugang zum Haiku ist zum Beispiel über
ein Sumi-E-Bild oder über einen Haibun als Prosatext im Haiku-Stil möglich)
·
Senryu
(thematisch freie Parallele zum Haiku)
Zwei Beispiele von Schülertexten
|
Ägyptenreise Koffer wieder bei Zbyněk Vati bleibt allein |
Feuer im Kamin Wir sind alle zu Hause Und der Kater schnurrt |
·
Kettengedichte
(zu einem einheitlichen Thema schreibt jeder einen Text von entweder zwei
Zeilen mit 7+7 Silben oder von drei Zeilen mit 5+7+5 Silben; das Thema/die
Überschrift sollte in den Textzeilen gemieden werden - zum Beispiel in den
einzelnen Texten eines Kettengedichts mit der Überschrift „Ostrava" sollte
weder „Ostrava" noch „die Stadt" vorkommen)
·
Ein-Satz-Texte
(Text besteht aus einem beliebig langen oder kurzen Satz), Drei-Satz-Texte (die
Sätze beginnen jeweils mit „gestern", „heute", „morgen"), Vier-Satz-Texte (1.
Hauptsatz, 2. Hauptsatz und Nebensatz, 3. Nebensatz und Hauptsatz, 4.
Hauptsatz) (Nach Merkelbach 1995)
Die Gestaltung dieser kleinformatigen
Texte ist nicht zeitaufwendig und kann auf Gruppen-, Paar- oder individueller
Arbeit beruhen. Einerseits eröffnet sie ein ergiebiges Experimentieren mit
Graphik, Wort, Zeilenlänge, Betonung, Intonation, Rhythmus und Textumfang,
andererseits bedeutet sie eine selbstverständliche Herausforderung im Hinblick
auf das subjektive Ziel, die eigene inhaltliche Intention zum Ausdruck zu
bringen und mit wenigen Worten das Wesentliche auszudrücken.
-
Wir
halten es schließlich für notwendig und sinnvoll, auf dem Weg zum
eigenständigen kreativen Schreiben die Frage der Textstruktur von Textsorten zu
thematisieren. Dieses Anliegen erscheint umso schwerer, als dass sich die
vermutliche Anzahl der Textsorten um die 4000 bewegt. Deshalb kann die Arbeit
nur exemplarischen Charakter haben. Zugleich mit den Fragen der normativen
Teile der Textstruktur sollte erfahrungsgemäß auch das Bewusstsein für
angemessene sprachliche Handlung sensibilisiert werden, bzw. für das richtige
Verhältnis von Handlung und dem zutreffenden sprachlichen Ausdruck.
In unserer Auffassung des kreativen
Schreibens gehen langfristige, kleinschrittig konzipierte Formübung und
Ausdruck von eigenständigen Inhalten einher. Am Schluss geht es darum, dass die
kreativen Schreibverfahren den SchülerInnen dazu verhelfen, ihre
Sprachbewusstheit zu vertiefen, ihren eigenen Schreibstil zu finden und ihre
Ich-, Du- und Weltwahrnehmung zu sensibilisieren - im Hinblick auf den Respekt
vor Ich, Du und Welt, die ein ewiges Geheimnis bleiben und die sich in der
Begegnung im Dialog öffnen, farbiger, interessanter und für einander zur
ständigen Frage und Anregung werden.
3. Textinszenierung[11]
Im Rahmen des TIPP-Projekts wurden die
hier aufgelisteten Bausteine mit Hilfe von Studierenden der Universität Ostrava
in einer Sequenz von 25 kleinen Textarbeit-Videomodellen für den Unterricht DaF
aufgenommen. Auf der Webseite des Projekts www.teachers-ipp.eu werden die Aufnahmen und die
begleitenden Texte ab Oktober 2009 publiziert.
Diese im TIPP-Projekt
aufgenommenen Videomodelle stellen das vorläufig letzte Ergebnis mehrjähriger
Bemühungen um die Integration der theaterspezifischen Verfahren in den
Unterricht DaF dar, die am Germanistischen Institut der Universität Ostrava
vorgenommen wurden. In der Zusammenarbeit der Dozenten (Detlef Dumon, Silvia
Neumayer-El Bakri, Pavla Zajícová), Tutoren (Angela Daiss), Gastdozenten (Paul
R. Portmann, Elektra Tselikas), Doktoranden und Studierenden (die Namen
derjenigen, die im Sommer- und Wintersemester 2008 und im Sommersemester 2009 die
TIPP-Videomodelle vorbereiteten, sind in den einzelnen Aufnahmen angeführt)
wurden hier seit 1992 Seminare und Workshops durchgeführt, in denen die Idee
des „Theaters im Unterricht DaF" auf die Probe gestellt und auch
forschungsmäßig verfolgt wurde. An der unmittelbaren Gestaltung der
Videomodelle waren vor allem folgende Mitarbeiter beteiligt: Silvia Neumayer-El
Bakri und Pavla Zajícová als Seminarleiterinnen, Eva Polzerová als Trainerin
und Fachberaterin, Tomáš Rucki als Fachberater
und Techniker, Milan Jurček als Techniker.
Die Grundlage der Textinszenierung fassen
wir hier auf als einen multimodalen Austausch der Narrationen des literarischen
Ausgangstextes und der Texte der an der Inszenierung beteiligten und mitwirkenden
SchülerInnen - als ein gemeinsames aufmerksames Hinhören auf die Stimme des
Textes und auf alle Stimmen um den Text herum, als konzentriertes Nachdenken
über die Möglichkeiten der narrativen Umkodierung, als erstes Entwerfen,
gemeinsames Diskutieren, Ausprobieren, Auswählen, Entscheiden, Vervollkommnen
und schließlich Präsentieren des Textes in szenischer Form vor dem Publikum. Dabei
gehen wir von zwei Konzeptualisierungen der Narration aus - von der
philosophischen Auffassung der Narration als einer zeitlich dreidimensionalen (Wahrnehmung
und Erleben der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) vorsprachlichen
existentiellen Struktur des Seins, die in ihrer sprachlichen Realisierung zur
Grundlage für Herausbildung der individuellen, sozialen und historischen
Kohärenz wird (Carr 1986), und weiter von den zahlreichen psycholinguistischen
Annäherungen an die Frage nach dem Wesen der Narration, in deren Rahmen
festgestellt wurde, dass die Narration nicht nur durch Sprache zum Ausdruck
gebracht wird, sondern dass sie sich durch eine bestimmte Durchlässigkeit für
unterschiedliche Zeichensysteme auszeichnet (Dijk 1972: 14).
In unseren Unterrichtsmodellen geht es
mit kleinen Ausnahmen um sehr kurze Textsequenzen. Die jeweiligen
Inszenierungsmittel können zwar auch in längeren Textbearbeitungen ausgenutzt
und in eine längere Veranstaltung für ein von außen kommendes Publikum
integriert werden, auf der anderen Seite denken wir aber auch an den Unterrichtsalltag
und an die Möglichkeit der regelmäßigen kleinen Text-Inszenierungen, die in
Gruppenarbeit vorbereitet und im Rahmen der eigenen Klasse vorgeführt werden
können. Ein Teil der Klasse stellt dann immer das Publikum dar.
Für das Theater im Fremdsprachenunterricht (als Produkt und
Ergebnis) und für das dazu hinführende Training (als Prozess) nehmen wir
folgende Prinzipien und Merkmale in Anspruch:
·
Der
Weg zum Theater stellt einen langfristigen Prozess dar. Unter entsprechenden Bedingungen
im Bereich der Lehrerbildung und der Lehrwerkvorgabe kann das Theatermachen
jedoch von dem allerersten Anfang des Fremdsprachenerwerbs an ein äußerst
effektiver Bestandteil des Lernprozesses sein.
·
Der
Weg zum Theater schließt sowohl dramapädagogische als auch theaterpädagogische
Herangehensweisen mit ein.
·
Die
zum Theater hinführenden drama- und theaterspezifischen Arbeitssequenzen unterliegen
den gleichen Gesetzmäßigkeiten des Unterrichtsaufbaus und des Lernprozesses wie
alle anderen, z.B. wie die auf die Aneignung und Festigung der sprachlichen
Mittel und die auf Fertigkeitenausbau orientierten Bausteine - im Hinblick auf
ihre Distribution, Dosierung, Fortschritt.
·
LehrerInnen
und SchülerInnen stellen im Hinblick auf zu treffende Entscheidungen
gleichwertige Unterrichtsteilnehmer dar.
·
Die
Länge des zu inszenierenden bzw. inszenierten Textes kann bei einigen Zeilen beginnen,
die Inszenierung bzw. der Auftritt hat jedoch immer einen deutlichen Anfang und
einen deutlichen Abschluss.
·
Nicht
nur die Ausführenden, sondern auch die Zuschauer haben eine wichtige Funktion -
während der Vorbereitung der Inszenierung als Beobachter, Kommentatoren, Berater,
nach der Inszenierung als Rückmeldungsquellen.
·
In
diesem Zusammenhang kommt eine besondere Relevanz der Paar- und der Gruppenarbeit
zu.
·
Die
theaterspezifischen Aufgaben sind eingebettet in einem Rahmen von mannigfaltigen
progressionsabhängigen Einstimmungs- und Sensibilisierungsübungen für die
Stimme, für den Körper, für die Konzentration und für den Partnerbezug und
weiter von spezifischen dramapädagogischen Übungen.
·
Alle
einschlägigen Übungen werden in der Zielsprache dargeboten und durchgeführt.
Sie sind nicht nur für die Vorbereitungsphasen bestimmt, sondern ihre Struktur
kann nach Bedarf in die Ästhetik der Inszenierungen eingehen.
·
Für
jede Progressionsstufe stehen mehrere geeignete kleine oder größere dramatische
Texte zur Verfügung, auf deren Grundlage die SchülerInnen die zu inszenierenden
Texte selber wählen können.
Weiter schlagen wir konkrete Schritte bzw. Progression der
theaterspezifischen Aufgaben- und Übungen vor.
3.1 Sprechtechnik und Stimmführung
Obwohl
sich die Stimme an der Grenze zwischen dem verbalen und dem nonverbalen
Ausdruck befindet und deshalb am Anfang unserer Anordnung steht, sollten die
ihrem Wesen nach relativ schwierigen Sprech- und Stimmübungen nach unserer
Erfahrung erst nach einem reichhaltigen Angebot an Bewegungsübungen
durchgeführt werden.
Die Schulung der Sprechtechnik und der Stimmführung basiert
auf deutlicher und korrekter Aussprache und beinhaltet neben einschlägigen
Übungen auch Atemübungen.
In regelmäßigen Atemübungen lernen die SchülerInnen ihren
Atem wahrzunehmen und ihn beim Sprechen effektiv einzusetzen. Bewusste Arbeit
mit dem Atem schließt den Umgang mit der Körperentspannung und -anspannung, mit
Aus- und Einatmung samt Pausen, mit Brust- und Bauchatmung mit ein.[12]
In den Sprechübungen wird die Aufmerksamkeit gerichtet auf
Stimmansatz, Stimmresonanz, Sprechen in die Maske und Stimmprojektion, auf
deutliche Artikulation mit voluminöser Vokalbildung und konsonantischer
Konturierung, weiter auf Betonung, Intonation und den Umgang mit Pausen.
Wenn diese Aspekte bewusst wahrgenommen und einigermaßen
interiorisiert werden, bekommen die Schüler ein Repertoire von Elementen, die
sie nach ihrem eigenen Ermessen auswählen, variieren und in die
Textpräsentation einbauen. Es handelt sich zum Beispiel um Lautstärke, Tonhöhe,
Stimmfarbe bzw. Emotionalität, Tempo, Sprecheranzahl, Staffel-, Cloze- und
Kanonsprechen, Welle, Echo, einfache Klangeffekte (z.B. Klatschen, Schnipsen,
Stampfen, Klopfen, Pfeifen, Brummen, Zischen).
3.2. Publikumsorientiertes
Vorlesen
Das publikumsorientierte Vorlesen
fassen wir hier als die Grundlage der Theaterarbeit auf. Nicht jeder
Theatertext muss auswendig gesprochen werden, auf der anderen Seite gründet
gerade das publikumsorientierte Vorlesen auf einer guten Textkenntnis und kann
eine Vorstufe zum Auswendig-Sprechen und Inszenieren werden.
Diese Lesetechnik, auch
„Read-and-look-up" genannt, wird folgendermaßen charakterisiert:
„Dabei liegt der zu lernende Text
dem Schüler schriftlich vor und er versucht, bei nur sehr kurzem Hinschauen
kleine Abschnitte ganzheitlich zu erfassen und dann ´auswendig´ wiederzugeben.
Mehrmaliges Wiederholen dieser Technik an einem Text führt zur Reproduktion des
Gelernten."
(Rampillon 1996: 96)
Abgesehen davon, ob im Unterricht Theater
gespielt wird oder nicht, kann und sollte diese Technik unseres Erachtens von
dem allerersten Anfang des Fremdsprachenunterrichts an, beginnend mit sehr
kurzen Texten, trainiert werden. Die publikumsorientierte, relativ langsame Art
des Vorlesens wird vom Publikum in der Tat als sehr angenehm empfunden. Zu dem
guten Eindruck der Zuhörer tragen unter anderem die Pausen bei, die der
Vorleser machen muss.
Sehr wichtig für den Vorleser ist
die Vorbereitungsphase. Er liest den Text mit Bleistift in der Hand mehrmals
durch und markiert sinnvolle Abschnitte, die er durch ein kurzes Hinschauen
erfassen und mit dem Blick auf das Publikum sprechen kann. Diese Abschnitte
können am Anfang kürzer, später länger sein und mit der Modifikation der Länge
des auf einmal zu erfassenden Textes wird zugleich mit Betonung und Intonation
gearbeitet. Der Vorleser sollte seinen publikumsorientierten Leseauftritt
mehrmals laut ausprobieren. Dabei stellt er sich möglichst sein Publikum vor
und trainiert auch die Distribution des Augenkontakts so, dass bei den
gesprochenen Segmenten nach und nach alle Zuhörer mit seinem Blick erreicht
werden.
Abschließend ist zu bemerken, dass
diese Übung ziemlich schwierig ist, dass sie zum ersten Mal mit einem ganz
kurzen Text gemacht und wiederholt werden sollte. Der Lehrer sollte sich den
Schülern vor ihrem ersten Trainingsversuch als Modell zur Verfügung stellen und
dann jeden kleinen Erfolg und Fortschritt seiner Schüler loben. Erfahrungsgemäß
können auch diejenigen Schüler diese Übung bewältigen, die beim ersten Versuch
stark irritiert sind.
3.3
Mimik,
Gestik, Körper
Mimische und gestische Arbeit,
Körperwahrnehmung und Körpereinsatz werden in spezifischen Übungen trainiert.
Das Ziel besteht darin, die Kompetenz der Kodierung und Dekodierung der
mimischen, gestischen und körperlichen Wirkung zu sensibilisieren und zu erweitern.
Im Hinblick darauf ist es hilfreich, wenn man mit einfachen Übungen beginnt, in
denen nicht der Text, sondern Mimik, Gestik, Körperhaltung und -bewegung im
Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Solche Übungen können bei Hausaufgaben
ansetzen, in denen es um Beobachtung, Selbstbeobachtung und Vergleiche geht.
Wie gehen die Menschen? Wie betreten sie die Räume? Wie sitzen sie im Bus? Was
für eine Befindlichkeit vermittelt ihr Gesichtsausdruck? Wie stellen sie den
Augenkontakt her? Wie wirken die beobachteten Konstellationen auf mich? Wie
wirke ich auf die anderen?
Das Theater braucht ausgeprägte und
ausdrucksvolle mimische, gestische, körperliche Botschaften. In einschlägigen Übungen
wird also versucht, das eigene Potential auszuprobieren, sich zur Schau zu
stellen, andere zu beobachten, das Ausprobierte und Beobachtete gemeinsam zu
reflektieren, von den dargebotenen Entwürfen zu lernen.
Scheinbar feine Unterschiede werden
gestaltet. Wie arbeitet man mit den Augen, wenn man flirtet, wie, wenn man
jemanden disziplinieren will? Wie bewegt man die Handflächen, wenn man geben,
wie, wenn man betteln will? Wie zieht ein Mann den Pullover aus, wie eine Frau?
Wie bewegt sich ein Lehrer, von dem sich seine Frau gerade scheiden lassen
will, wie einer, der nur seine tolle Klasse im Kopf hat und sie für die
Teilnahme an einer Olympiade gewinnen will? Wie wird ein Liebesbrief
geschrieben, wie ein Einkaufszettel, wie ein Haiku? Wie können solche
Polaritäten in kleinen Gruppenpräsentationen - spontan oder synchronisiert -
mimisch, gestisch, körperlich zum Ausdruck gebracht werden, wie „Willkommen und
Abschied", „Schüler und Lehrer", „Augenblick und Ewigkeit"?
Die mimischen, gestischen und
körpersprachlichen Übungen, sinnvoll eingebettet in der gesamten Progression,
werden erfahrungsgemäß von den Schülern immer wieder gern wahrgenommen,
durchgeführt und reflektiert. Die Einstellungen der TeilnehmerInnen entwickeln
sich meist von einer anfänglichen Unsicherheit bis zur Begeisterung davon, wie
aussagekräftig Mimik, Gestik, Körperhaltung und -bewegung eigentlich sein
können.
Komplexere Übungen können entweder
auf der Grundlage eines bereits vorliegenden Textes oder eines „Textes im Kopf"
durchgeführt werden. Im ersten Fall besteht die Aufgabe darin, für das
publikumsorientierte Vorlesen des Textes eine mimisch, gestisch und körperlich
begleitende Ebene zu gestalten. Im zweiten Fall geht es um kleine Situationen,
Konflikte oder Geschichten, die nur mit den Augen, nur mit den Fingern, nur mit
den Armen, nur mittels Körperaufstellung und -bewegung zuerst erzählt, dann von
den Zuschauern bzw. Darstellern gedeutet und erklärt werden.
3.4
Klang
Einbeziehung von Klangeffekten in
hörspielartigen Texten stellt eine einfache und viele Realisierungsmöglichkeiten
bietende Variation des publikumsorientierten Vorlesens dar. In der
Gruppenarbeit kann entweder ein identischer Text als Hörspiel vorbereitet
werden, oder den Gruppen werden unterschiedliche Texte zugeteilt und
hörspielartig bearbeitet.
Das Publikum hört dann mit
geschlossenen Augen zu. Die Darsteller sollen sehr langsam und deutlich
sprechen - sie müssen sich dessen bewusst sein, dass das Publikum den Text
meist zum ersten Mal und dazu nur einmal hört.
Die Ideen für die Klangproben
ergeben sich immer aus dem konkreten Text. Es werden also werden Schritte
gemacht, Türen geöffnet und geschlossen, Gemüse geschnitten. Die Teller
klirren, das Papier knistert, das Wasser fließt, die Mücke summt. Es ist
außerdem von Nutzen, wenn man auch andere Manipulationen mit Gegenständen
ausprobiert und modifiziert. So empfiehlt Eva Engel (1993) folgende Tricks: Für
den Regen lässt man Reis in eine Pappschachtel rieseln, für den Wind wird mit
der Bürste über Stoff gestrichen, für den Motor wird ein Handmixer eingeschaltet,
für den Verkehrsunfall lässt man Besteck in einem Kochtopf auf den Boden
fallen, für das Feuer wird Zellophan zerknüllt...
Viele Texte lassen sich mithilfe von
einfachen Veränderungen zu Hörspieltexten adaptieren. Im Hinblick auf die
Adaptation sind folgende Überlegungen von Belang:
·
Welche
Stellen können ausgelassen werden? Dies ist vor allem bei Einleitungen der
direkten Rede notwendig („Der Drogist sagte:")
·
Welche
Stellen können aus der beschreibenden Erzählerrede in die direkte Rede überführt
werden?
·
Sind
die Sprecherrollen optimal proportioniert? Manchmal können kleine Veränderungen
zur gleichmäßigen Gestaltung der Sprechanteile beitragen. Es ist nicht nur für
die Sprecher befriedigend, sondern auch für die Zuhörer, denn sie erleben einen
Wechsel der Stimmen, bei dem die einzelnen Stimmen ausgewogen vertreten sind.
·
Es
sollte darauf geachtet werden, dass die einzelnen Stimmen einen eigenständigen
Charakter haben, damit sie von den Zuhörern gut unterschieden werden können.
·
Neben
den Sprecherrollen sind Klangtechniker zu bestimmen, die für die Produktion der
Geräusche verantwortlich sind.
3.5
Erzähltheater
Das Erzähltheater stellt eine
Vorform des Theaters dar. Die Rede des Erzählers wird darin mit der szenischen
Darstellung und der Figurenrede kombiniert. Die Rollen mitsamt der Erzählerrolle
werden verteilt. Der Text wird vom Erzähler vorgelesen und von den
Schauspielern gesprochen bzw. gespielt, und zwar in einem einfachen räumlichen
Arrangement.
Alle Teilnehmer müssen den Text gut
kennen. Die Schauspieler können ihre Repliken möglichst auswendig und wissen
auch genau, an welcher Stelle des vom Erzähler vorgelesenen Textes sie
einsteigen. Der Erzähler liest den Text publikumsorientiert vor und vermittelt
dabei durch einfache Gesten und durch abwechselnden Blickkontakt zu den
Schauspielern und Zuschauern die Verbindung zwischen Text, Handlung und
Publikum.
3.6
Tanztheater
In unserem „Theater als Tanz" wird
der Text von den Tänzern rhythmisch gesprochen (z.B. Rap) oder die Rollen von
Sprechern und Tänzern werden aufgeteilt (z.B. Aerobic-Tanz). Die Tanzkomponente
kann aber auch viel einfacher sein. Wir berufen uns hier auf die Tradition des
Tanztheaters, wie sie sich seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet
hat (vgl. Tanztheater 2009), und in diesem Rahmen auf folgende Thesen:
·
Der
Tanz muss nicht perfekt bzw. schön sein.
·
Alle
Formen der Bewegung sind möglich. Im Rahmen der jeweiligen Choreographie werden
vor allem Rhythmus, Regelmäßigkeit, Wechsel, Synchronisierung, Stabilisierung
und Destabilisierung, Schritte nach vorn, nach hinten, in die Seiten, Sprung-,
Marsch- und andere -Schritte, Heben und Senken der Arme, Dehnen und Zusammenziehen
des Körpers samt Raumausnutzung in Erwägung gezogen.
·
Die
Tanzform und die Choreographie hängen von den Darstellern ab.
·
Im
Zusammenhang mit der Textauslegung bringen die Tänzer durch Gesten und Bewegungen
ihren Eindruck vom Text, ihre Befindlichkeit, ihre Gefühle, aber auch ihren
Charakter, ihre Erfahrung, ihre bevorzugten körperlichen Bewegungsmodalitäten
zum Ausdruck.
·
Es
geht vordergründig um Einsetzung der Körpersprache als freie Übersetzung des
Textes in die Bewegung - in Verbindung mit Gesang, Musik, Geräuschen.
Als inspirativ empfinden die Schüler
unserer Erfahrung nach zum Beispiel die Konzepte der Eurhythmie, des Aerobic,
des Rap.
3.7
Pantomimentheater
Während der Tanz eine begleitende
Komponente des Textes darstellt, soll die pantomimische Form ein paralleles
Bild anbieten und als solches den Text körpersprachlich ersetzen.
Im Theater als Pantomime wird der
Text im Unterricht zuerst pantomimisch einstudiert und vorgeführt, dann von den
Zuschauern verbal gedeutet, später gelesen.
Erfahrungsgemäß führen die SchülerInnen
immer wieder gern einfache pantomimische Handlungen durch, wenn es zum Beispiel
darum geht, Berufe zu raten, Sportarten vorzuführen, Tiere nachzuahmen. Einen
ganzen Text pantomimisch zu spielen erscheint jedoch etwas schwieriger. Es ist
wichtig zu wissen, dass eine pantomimische Inszenierung eine ähnliche syntaktische
Struktur hat wie ein Text. Auch die Pantomime besteht aus Sätzen, die ihren
Anfang, ihr Ende, ihre Interpunktion haben. Die syntaktische Struktur wird
durch einen Wechsel von Ruhe bzw. Pause und Bewegung, von neutraler Stellung
und Aktion, von Entspannung und Spannung, weiter durch anfangs- und
schlussartige Gesten und Bewegungen der Körperteile gebaut. Die Bewegungen
bringen Geschehen, Rede, Gedanken, Befindlichkeiten und Emotionen der Akteure
zum Ausdruck.
In Einstimmungs- und Vorbereitungsübungen
sollten neben pantomimischen Spielen (z.B. Scharade, Elefantenwaschen)
Überlegungen und Versuche integriert werden, in denen einige typische
pantomimische Bewegungsabläufe ausprobiert werden - bei deren gleichzeitiger
Reduktion auf das Wesentliche. Des Weiteren sollten sowohl einige gute als auch
triviale und zu vermeidende Beispiele von pantomimischen Gesten ausprobiert und
diskutiert werden.
Die Pantomime genießt das Ansehen
einer relativ anspruchsvollen Kunst. Im Fremdsprachenunterricht kann nicht
erwartet werden, dass die Schülerdarbietungen hohen professionellen
Anforderungen gerecht werden. Trotzdem halten wird den Versuch, einen Text
pantomimisch zu übersetzen, für legitim. Im sprachdidaktischen Kontext geht es
vordergründig um sprachliche Handlungen, die aus Diskussionen über den
Textsinn, über die Darstellungs- und Deutungsmöglichkeiten bestehen und die
eine Vertiefung der Textarbeit bedeuten. Außerdem können die Schüler viel über
die Pantomime erfahren, sie können lernen, mit ihrem Körper zu arbeiten,
Symbole, Nachahmungen, Gebärden besser wahrzunehmen, sich über die Spezifik des
pantomimischen bzw. nonverbalen Ausdrucks Gedanken zu machen.
3.8
Puppentheater
Im Puppentheater geht die physische
schauspielerische Handlung auf die Puppen über. Eine unterschiedliche
Verteilung der Rollen ist möglich. Die einfachste Variante besteht in der
Konstellation von Sprecher, der den Text publikumsorientiert vorliest, und
Puppenführer. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die Rollen von den
Puppenführern auch gesprochen werden, oder darin, dass Schauspielerfiguren und
Puppenfiguren gemischt auftreten.
Es können verschiedene Arten von
Puppen angefertigt werden (zum Beispiel Handpuppen mit Kopf, Armen und Beinen
in Stoffbekleidung, aber auch ganz einfache Tuchpuppen, Sockenpuppen,
Stabfiguren aus Pappe), die Puppen können kleiner oder größer sein.
Erfahrungsgemäß wird die
Textinszenierung mittels Puppen von den Schülern als sehr attraktiv empfunden.
Es fällt den Schülern einfach und selbstverständlich, die Puppen agieren zu
lassen - lachen und weinen, laufen und springen, mit einander tanzen, schweben,
durch die Luft fliegen...
Die Puppenführer sollten hinter den
Puppen, also nicht im Vordergrund stehen. Sie sollten auch unauffällig
gekleidet sein, z.B. mit schwarzem T-Shirt und Jeanshose. Sie sollten jedoch in
ihrer Körperbewegung und im Gesichtsausdruck mit den Puppen mitgehen.
3.9
Bildertheater
Das Bildertheater wird als eine
Bilderfolge gestaltet und zu den einzelnen Bildern werden kurze Texte gesprochen.
In der Vorbereitungsphase werden in Kleingruppen Entscheidungen zu der
Rollenverteilung gemacht. In der Präsentationsphase wird das Bildertheater
inszeniert. Die Szene kann entweder als eine Ausstellung an der Tafel oder an
der Wand gestaltet werden oder es kann die Form des japanischen Papiertheaters
„Kamishibai" genutzt werden - die Bildtafeln werden hier der Reihe nach in
einen einfachen Bühnenrahmen aus Holz oder Sperrholz gelegt.
Es bestehen mehrere
inhaltlich-formale Modifikationen.
·
Die
SchülerInnen zeichnen Bilder oder stellen Collagen her, durch die sie
Situationen aus ihrem Alltag, dem Familien- oder Schulleben erzählen wollen.
·
Die
SchülerInnen zeichnen Bilder oder stellen Collagen her zu bereits bekannten
literarischen Erzähltexten, Dramen, Sagen, Mythen und erzählen die Texte nach.
Sie bedienen sich nach Bedarf des Inhalts und des verbalen Wortlauts der
Ausgangstexte oder sie versuchen die Leerstellen des Textes mit ihren
weiterführenden Vorstellungen zu füllen.
·
Die
SchülerInnen bekommen vorgefertigte Symbole (z.B. Kreis, Dreieck, Quadrat,
Viereck, Rhomboid, Stern, Herz - nach Bedarf in unterschiedlichen Größen und
Farben). Diese Symbole repräsentieren die Gestalten und Objekte eines wohl
bekannten Textes (z.B. eines Märchentextes). Die Schüler positionieren diese
Symbole (zum Beispiel durch Aufkleben auf ein A3-Blatt) nach eigenem Ermessen
auf eine Folge von mindestens drei Bildtafeln, durch die bestimmte ausgewählte
und vereinbarte Szenen des Textes repräsentiert werden. Anschließend beschreiben
die Schüler ihre Bilder und erklären die Ideen, die hinter den gewählten
Positionierungen stecken.
·
Eine
andere Möglichkeit des Bildertheaters besteht darin, dass ein paar Bilder (4-6)
zu einem für die SchülerInnen noch unbekannten Text im Voraus angefertigt und
den Schülern vorgelegt werden. Aus diesen Bildern werden in Gruppenarbeit
Bilderanordnungen zusammengestellt und gezeigt, dazu ein einfacher Text einer
Geschichte erzählt. Anschließend wird der Originaltext gelesen und mit den
entworfenen und bereits präsentierten Texten verglichen. Die Schwierigkeit
dieser letzten Vorgehensweise besteht darin, dass die Bilder im Hinblick auf
die potentielle Textkohärenz auf der einen Seite nicht zu stark lenkend sein
sollten, damit nicht alle Gruppen einen identischen Text konzipieren, auf der anderen
Seite sollten sie so beschaffen sein, dass sie die kreative Herstellung einer
kohärenten Geschichte überhaupt ermöglichen.
3.10 Musiktheater
Im Musiktheater wird der ausgewählte
Text mithilfe von einfachen Musikinstrumenten und Musikhandlungen vertont und
inszeniert. Im Unterricht kann die Vertonung anschließend gedeutet und mit dem
Ausgangstext verglichen werden.
Den Begriff des Musiktheaters fassen
wir hier im Vergleich zu der künstlerischen Perspektive in einer reduzierten
sprachdidaktischen Perspektive folgendermaßen auf:
·
Ein
Text - bisher haben wir ausschließlich mit kurzen Texten bzw. Gedichten gearbeitet
- wird in Musik oder in ein Klangbild übersetzt.
·
Es
werden solche Musik- oder Klanginstrumente ausgenutzt, die für die Ausführenden
im Hinblick auf ihre bisherige Musikausbildung und -kompetenz in Frage kommen
und ohne großes Lernen zu betätigen sind.
·
Die
Ausnutzung der Orffschen rhythmischen Musikinstrumente (Klangstäbe, Glockenspiele,
Triangel, Tamburin, Handrasseln, Metallscheiben, Steinspiele, Pauken, Trommeln,
Schellen, Kastagnetten) hat sich bewährt.
·
Einsatz
von Gitarre, Flöte, Geige ist von großem Vorteil.
·
Wesentlich
und zentral sind jedoch nicht die musikalische Ausbildung der Schüler, sondern
ihr Nachdenken über den Text, ihre Freude am Rhythmus und Klang, ihr Entwerfen,
Ausprobieren, Reflektieren und Diskutieren, ihr Spaß an der Sache und ihr
gemeinsames Gestalten.
3.11 Standbildtheater
Das Standbildtheater wird manchmal
auch Statuentheater, Fotoausstellung, Diareihe genannt. Das Prinzip der Arbeit
besteht darin, dass die TeilnehmerInnen einzeln, in Paaren oder Kleingruppen
mit ihren Körpern ein Standbild bauen, darin einfrieren und für einige Sekunden
verharren. Das Standbild drückt ein Motiv, ein Thema oder einen Konfliktmoment
des vorliegenden Textes oder eines Textes im Kopf aus und es entsteht als
Ergebnis der jeweiligen körperlichen Fertigkeiten der TeilnehmerInnen, ihrer
Ich- und Welterfahrung, ihrer Lebenseinstellungen und Imaginationen. Neben der
Körperhaltung werden Gesten, Mimik, Blickrichtung, in Paar- und Gruppenarbeit
auch das gegenseitige Verhältnis der Standbildbauer mit einbezogen.
Im Hinblick auf die Sprach- und
Textarbeit eröffnet das Standbildtheater eine Reihe von Möglichkeiten.
Standbilder und die Situationen, in
denen sie eingebettet sind, werden gedeutet und erklärt, in die Vergangenheit
und Zukunft hineinversetzt, sie verbildlichen ausgewählte Textstellen oder
illustrieren bzw. aktualisieren in mehreren unterschiedlichen Entwürfen ein
einziges Textmotiv, z.B. Gerechtigkeit, Missverständnis, Gefahr.
3.12 Szenische Interpretation
In der szenischen Interpretation
werden die Wörter, Satzteile, Zeilen oder Abschnitte des vom
Sprecher/Berichterstatter/Erzähler vorgelesenen oder vorgetragenen Textes mit
Aufstellungs- und Bewegungsabläufen und anderen Handlungen der Schauspieler
begleitet.
Dabei müssen unbedingt einige
elementare Überlegungen in folgenden Richtungen gemacht werden: Wie wird der
Anfang gestaltet? Wie betreten die Ausführenden die Bühne? Quasi spontan,
chaotisch, wild oder ordentlich und geregelt? Wie wird das Signal zum Anfang,
wie werden Signale für Übergänge gegeben? Wie stellen sich die Schauspieler
auf? Treten sie als Einzeldarsteller oder als Kleingruppen auf? Wo stehen die
Erzähler, wo die Musiker, wo die Schauspieler? Kommt die anfängliche
Aufstellung den später zu gestaltenden Veränderungen der Bühnenkonstellationen
gut entgegen? Wie werden die Übergänge zwischen den einzelnen Inszenierungssabschnitten
gestaltet? Wie wird der Abschluss gestaltet? Wie wird die Reaktion auf den
Beifall gestaltet?
Das Spektrum der
szenisch-interpretatorischen Möglichkeiten sehen wir in der Spannbreite
zwischen der elementaren Begleitung der Wörter, Zeilen, Abschnitte, Strophen mit
körpersprachlichem Ausdruck der Schauspieler, ausgedrückt zum Beispiel durch
Standbilder auf der einen Seite, in der Auswahl und Kombination aller hier
besprochenen und vieler weiteren Inszenierungsmodalitäten auf der anderen
Seite.
Für die Webseite des TIPP-Projekts www.teachers-ipp.eu wurden folgende Videomodelle der
Textarbeit im Unterricht DaF vorbereitet und aufgenommen:
1. Deutlichkeit Drei
Hunde habe ich (nach Wolfgang Menzel)
2. Stimmführung I Reklame
(Ingeborg Bachmann)
3. Stimmführung II Hilfszeitwörter
(Gerhard Rademacher)
4. Read and look up Zwei
Männer,
ein Bild, ein Hammer (nach Paul Watzlawick)
5. Partnerwahrnehmung I Zwei
Ameisen (Joachim Ringelnatz)
6. Partnerwahrnehmung II Sie
liebten sich (Hansgeorg Stengel)
7. Partnerwahrnehmung III Nummern
8. Stimmentheater Wegbeschreibung
(Son Seongho)
9. Augentheater fünfter
sein (Ernst Jandl)
10. Fingertheater Die
Aufforderung zum Tanz
11. Gestentheater Weißt
du, wie spät es ist?
12. Brummtheater Rufen
Sie sofort den Chef!
13. Erzähltheater Es
gibt nur eine Sprache (Peter Bichsel)
14. Standbildtheater Der
englische Gentleman
15. Pantomimentheater Gib´s auf (Franz Kafka)
16. Tanztheater aschenbecher
(Ernst Jandl)
17. Puppentheater Ein
Weib (Heinrich Heine)
18. Hörspiel Ein
Essen für mein Geld
19. Wort für Wort Wäschebügeln
20. Rap Habe
nun, ach (J. W. Goethe)
21. Innere Monologe Mottenpulver
(Carlo Manzoni)
22. Bildertheater Im
alten China
23. Musiktheater Antipoden
(Ernst Jandl)
24. Standbildtableau Oktober
(Franz Mon)
25. Szenische Interpretation Meeresstille
(J. W. Goethe)
Literatur
Bornscheuer, L. Eugen
Gomringers ´Konstellationen´. ´Konkrete Poesie´ als ´universale Sprachgestaltung
unserer Zeit´. In Garbe, B. (Hg.). Konkrete Poesie, Linguistik und
Sprachunterricht. Germanistische Texte und Studien. Band 7. 229-246. Hildesheim,
Zürich, New York: Olms 1987
Bröcher, J.
Poetik des offenen Kunstwerks und Struktur des Unterrichts. In Warzecha, B.
(Hrsg.). Heterogenität macht Schule. Beiträge aus sonderpädagogischer und
interkultureller Perspektive. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann,
2003.
Bruner, J. S. Der Akt der
Entdeckung. In Neber, Heinz. Entdeckendes Lernen. Weinheim und Basel: Beltz,
15-29, 1981.
Bruner, J. S. Actual Minds,
Possible Worlds. Cambridge: Harvard University Press, 1986.
Buber, M. Ich
und Du. Gerlingen: Lambert Schneider, 1994.
Bußmann, H. Lexikon der
Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner, 1990.
Carr,
D. Time, Narrative and History. Bloomington: Indiana University, 1986.
Černý, J. Dějiny
lingvistiky. Olomouc: Votobia, 1996.
Delors,
J. et al. Learning: The Treasure Within. Report to UNESCO of the International
Comission on Education for the Twenty-first Century. Paris: Unesco,
1996.
Dijk, T. A., van et al. Zur Bestimmung narrativer Strukturen auf der
Grundlage von Textgrammatiken. Hamburg: Helmut Buske, 1972.
Duden. Das große Fremdwörterbuch. Herkunft
und Bedeutung der Wörter. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 2007.
Eco, U. Das
offene Kunstwerk. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1985.
Engel, E. Hör-Spiele. Anregungen zum produktiven Umgang mit dem
Kassettenrecorder. Praxis Grundschule, 14-19, 4, 1993.
Flechsig, K. Methoden
interkulturellen Trainings. Praha: Vortrag am Goethe-Institut, 28. 4. 1998.
Gadamer, H. G. Wahrheit
und Methode. Grundzüge
einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), 1990.
Gardner, H. Frames
of Mind. The Theory of Multiple Intelligences. New York: HarperCollins, 1993.
Heidegger, M. Über den
Humanismus. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 1991 (1949).
Heidegger, M. Básnicky bydlí člověk. Praha: Oikoymenh, 1993.
Heursen, G. Konstruktivismus.
In Haarmann, D. (Hrsg.). Wörterbuch Neue Schule. Die wichtigsten Begriffe zur
Reformdiskussion. Weinheim: Beltz, 91-99, 1998.
Hornung, A. Schule und experimentelles Schreiben. In Feilke, H.; Portmann,
P. R. (Hrsg.). Schreiben im Umbruch. Schreibforschung und schulisches
Schreiben. Stuttgart: Klett, 224-245, 1996.
Iser, W. Der Akt des Lesens.
Theorie ästhetischer Wirkung. München: Wilhelm Fink, 1990.
Jakobson, R.
Lingvistika a poetika. In Poetická funkce. Jinočany: HaH, 74-106, 1995.
Kelly, L. G.
25 Centuries of Language Teaching. Ottawa, 1976.
Kraus, B., Pčoláčková, V. Člověk - prostředí - výchova. K otázkám
sociální pedagogiky. Brno: Paido, 2001.
Kron, F. W. Grundwissen
Pädagogik. München Basel: Ernst Reinhardt, 1991.
Laing,
R. D. et al. Interpersonelle Wahrnehmung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971.
Matějček, Z. Psychologické eseje (z konce kariéry).
Praha: Karolinum, 188-196 2004.
Maturana, H.; Varela, F. Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln
des menschlichen Erkennens. Bern, München, Wien: Scherz, 1987.
Merkelbach,
V. Schreibende Lehramtsstudent/inn/en. In Merkelbach, V. (Hrsg.). Kreatives
Schreiben. Braunschweig: Westermann, 125-136, 1995.
Poláková, J. Filosofie
dialogu. Praha: Filosofický ústav AV ČR, 1991.
Provazník,
J. Podíl dramatické výchovy na utváření klíčových kompetencí [online].
© 2008 [cit. 2009-06-27]. WWW:
<http://www.damu.cz/katedry-a-kabinety/katedra-vychovne-dramatiky/dramaticka-vychova-a-ramcove-vzdelavaci-programy/jaroslav-provaznik-podil-dramaticke-vychovy-na-utvareni-a-rozvijeni-klicovych-kompetenci/>.
Přibyl, M.; Zajícová, P. Co potřebuje škola, učitel a žák
v multikulturní společnosti. Otevřené otázky sociální pedagogiky. Sborník
z konference Multikulturní Výchova V Obdobi Globalizace. Olomouc,
97-100, 1999.
Rampillon,
U. Lerntechniken im Fremdsprachenunterricht. Handbuch. Ismaning: Max Hueber,
1996.
Ries,
L. Řeč není pouze komunikace. Cizí jazyky, 35, 6, 193-197, 1992.
Schapp, W. In
Geschichten verstrickt. Zum Sein von Mensch und Ding. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 1985.
Schober, O. Körpersprache.
Schlüssel zum Verhalten. München: Heyne, 1990.
Sievert- Staudte, A. Ästhetisches
lernen. In Haarmann, D. (Hrsg.). Wörterbuch Neue Schule. Die wichtigsten
Begriffe zur Reformdiskussion. Weinheim: Beltz, 22-27, 1998.
Slavík,
M. Cesta k divadelnímu tvaru s dětským kolektivem. Praha: IPOS, 1996.
Spitzer,
M. Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg: Spektrum,
2009.
Tanztheater [online]. © 2009
[cit. 2009-06-30]. WWW: <http://de.wikipedia.org/wiki/Tanztheater#.C3.84sthetische_Prinzipien>
Vester, F.
Denken, Lernen, Vergessen. Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn,
und wann läßt es uns um Stich? München: dtv Sachbuch, 1992 (1978).
Watzlawick, P. et al. Menschliche
Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Hueber, 1969.
Winnicott,
D. W. Playing and Reality. London: Tavistock, 1971.
Zajícová,
P. et al. Dechová cvičení ve vyučování cizímu jazyku. Cizí jazyky, 42, 3-4,
52-55., 1998
Zajícová, P. Theater im Fremdsprachenunterricht. In Kratochvílová, I.; Nálepová,
J. (Hg.). „Sprache Deutsch". Opava: Schlesische Universität Opava, 161-171,
2007.
Zajícová, P. Narace a
vyučování jazyku. Teoretická východiska, výzkum, program. Ostrava: OU, 2008.
Zajícová, P. Heterogenität
im Klassenzimmer als Herausforderung zum Dialog. Studia germanistica IV.
Ostrava: Ostravská univerzita, 141-155, 2009a.
Zajícová,
P. Zur Integration der kleinen Theaterformen in den Unterricht Deutsch als
Fremdsprache. In Dramatická výchova v cizojazyčné výuce u žáků s SPU. Sborník z
konference. Brno: Masarykova univerzita, 2009b (Manuskript).
[1] Vgl. z.B. Vester 1992 (1978), Gardner 1993, Spitzer 2009.
[2] Zur multidisziplinären Breite der Problematik des Verstehens vgl. Zajícová 2008:241.
[3] Vgl. die vier Säulen der Bildung für das 21. Jh. (Delors et al. 1996).
[4] Ausgehend von Duden (2007) werden hier die Begriffe „Heterogenität"
bzw. „Diversität" als Andersheit, Fremdheit, Ungleichheit, Ungleichmäßigkeit,
Verschiedenheit, Vielfalt verstanden, der Begriff „Identität" in der Bedeutung
von Sein als ein „Bestimmtes, Individuelles, Unverwechselbares" bzw. „die als
´Selbst´ erlebte innere Einheit der Person" bedacht. Während Heterogenität sich
aus der Vergangenheit ergibt, wird die Identität als eine Bemühung des Ich um seine in
der Gegenwart zu erreichende Kohärenz wahrgenommen. Den Begriff der Diversität
beziehen wir auf die Gegenwart und Zukunft.
Wo
Heterogenität, Identität und Diversität im Spiel sind, sind Formen der
dialogischen Begegnung zu suchen, die „eine Teilhabe am gemeinsamen Sinn" (Gadamer 1990: 297) anstreben und in
Aussicht stellen.
[5] Ansätze, in denen die Heterogenitäts-Frage mit der Optimierung der
Leistung, mit den Bedingungen der Teamarbeit im Hinblick auf den ökonomischen
Erfolg, oder auch mit Konfliktmanagement und Gewaltvorbeugung gleichgesetzt
wird, halten wir für unberechtigt reduktionistisch. Unsere Frage lautet vielmehr:
Wie kann ein attraktiver Unterricht bzw. Sprachunterricht gestaltet werden, der
Folgendes möglich macht:
-
Entfaltung der ich-, du-
und weltreflexiven Fähigkeiten und Fertigkeiten eines jeden Schülers als Persönlichkeit
und als Gruppenmitglied.
-
Hinführung zum
dialogischen, demokratischen, kooperativen Kommunikations- und Interaktionsstil
als anzustrebender Norm.
-
Bewusste Entwicklung der
individuellen und der sozialen Kohärenz.
[6] Vgl. z.B. Kelly 1976.
[7] Vgl.
Zajícová 2008: 72.
[8] Für diesen Teil des
Aufsatzes wurde ein Abschnitt aus Zajícová 2009a übernommen und erweitert.
[9] „Die poetische Funktion projiziert Äquivalenzen von der Achse der
Selektion auf die Achse der Kombination." Hier nach Jakobson 1995.
[10] Vgl. Bornscheuer 1987.
[11] Für diesen Teil des
Aufsatzes wurde ein Abschnitt aus Zajícová 2009b übernommen und erweitert.
[12] Übungen dazu z.B. in Zajícová et al. 1998.
9. Creating texts - EN.pdf